So ziemlich jedem Wellensittichfreund geht das Herz auf, wenn er Wellensittichküken sieht. Sie sind einfach niedlich und am liebsten möchte man sie direkt mitnehmen. Daher tendieren auch viele Personen dazu, sich zunächst Wellensittichküken anzuschaffen. Aber ab wann darf ein Küken überhaupt aus der Gruppe entnommen und von seinen Eltern getrennt werden? Und was sind die Folgen, wenn dies zu früh geschieht? Auf diese Fragen soll der folgende Artikel eine Antwort geben.
Das wichtigste Kriterium, ab wann ein Wellensittich von seinen
Eltern getrennt werden darf, ist die Futterfestigkeit. Ist ein
Wellensittichküken noch nicht futterfest, wenn man es seinen
Eltern wegnimmt, wird es mit recht hoher Wahrscheinlichkeit
sterben, da vor allem Laien nicht erkennen können, ob ein
junger Wellensittich genug Futter zu sich nimmt oder nicht.
Futterfestigkeit meint hier nicht die ersten zaghaften Versuche
eines jungen Wellensittichs, Körner zu knacken, sondern das
Stadium, in der der kleine Vogel in der Lage ist, eigenständig
genug Nahrung zu sich zu nehmen, um nicht zu verhungern. Gerät
man durch einen Zufall an einen Jungvogel, der noch nicht in der
Lage ist, sich allein zu ernähren, müssen Maßnahmen
ergriffen werden, um ihm genug Nahrung zuzuführen. Selbst wenn
man es schafft, dem Jungvogel mit Aufzuchtmaßnahmen über
diese kritische Phase hinwegzuhelfen, ist nicht gesichert, dass er
dann problemlos leben kann, denn oftmals entstehen in dieser kurzen
Phase der mangelhaften Ernährung schwere Schäden an den
inneren Organen. Insbesondere sind dadurch oft die Nieren
betroffen. Diese Schädigungen führen meist dazu, dass die
Vögel eines frühen Todes sterben oder spätestens bei
der ersten ernsteren Erkrankung nicht überleben.
Auch ist die Aufzucht per Hand, wie in dem oben verlinkten Artikel
nachzulesen, mit vielen Gefahren und Problemen verbunden. Als
lebensrettende Maßnahme muss darauf zurückgegriffen
werden, man sollte allerdings niemals auf das Angebot eines
Züchters eingehen, einen noch nicht futterfesten Vogel zur
weiteren Handaufzucht bei sich aufzunehmen. Durch die zahlreichen
damit einhergehenden Probleme kann man ein solches Vorgehen, wenn
es nur dem Zweck dient, den Vogel so früh wie möglich an
den Menschen zu gewöhnen, nur als Tierquälerei
bezeichnen.
Um sehr junge Tiere zu erkennen, sollen hier einige Hilfen
gegeben werden. Junge Wellensittiche haben nicht in allen, aber in
vielen Farbschlägen die typische Wellenzeichnung der Federn
bis knapp über der Wachshaut ("Nase") und Augen ohne Irisring.
Erst im Alter von drei bis sechs Monaten geht die Wellenzeichnung
im Zuge der Jungmauser langsam bis zum Hinterkopf zurück und
bildet sich (bei den meisten Farbschlägen) ein weißer
Irisring aus. Der Verdacht, dass ein angebotener Vogel noch zu jung
ist, drängt sich aber auf, wenn der Vogel zusätzlich zu
diesen Merkmalen noch den typisch dunklen Schnabel hat oder die
Flug- und Steuerfedern noch nicht ausgewachsen sind und der Vogel
(noch) nicht fliegen kann.
Erkennt man anhand der Wellenzeichnung, dass das Tier die erste
Mauser schon durchlaufen hat, hat es bereits einen Irisring oder
sind seine Geschwister bzw. andere gleichaltrige Tiere schon
vollbefiedert - das ist ab dem 32. bis 35. Lebenstag der Fall - ,
dem betreffenden Vogel fehlen allerdings immer noch die zum Fliegen
wichtigen Federn, muss man befürchten, dass das Tier krank
ist.
In beiden Fällen sollte man von einem Kauf lieber Abstand
nehmen und lieber einen zweiten Züchter oder Händler
aufsuchen. Welli.net rät dazu auch im Hinblick auf den
Tierschutzgedanken, der gebietet, den mutwilligen Verkauf von zu
jungen oder kranken Vögeln nicht zu unterstützen.
Im Schnitt sind die meisten Wellensittiche spätestens mit acht Wochen futterfest, es gibt allerdings auch Jungvögel, die schon eher lernen, selbst Futter zu sich zu nehmen. Doch auch dann sollte man sie noch nicht von ihrer Familie trennen, denn das Fressen ist nicht das einzige, was sie von ihren Eltern lernen müssen.
Der Wellensittichnachwuchs benötigt, ebenso wie kleine Menschenkinder auch, eine gewisse Zeit, um das Sozialverhalten seiner Artgenossen zu erlernen. Dazu gehören die Lautäußerungen, die Körpersprache und die sozialen Regeln der Gruppe. Trennt man einen jungen Wellensittich zu früh von seinem Schwarm bzw. von seinen Eltern, erlernt er viele der wichtigen Verhaltensregeln nicht und wird später Probleme haben, sich diese noch anzueignen, selbst wenn er nach der Quarantänezeit direkt wieder in eine Gruppe Vögel integriert wird. Die Anfangszeit bei seinen Eltern ist zu wichtig, als das man sie so einfach nachholen könnte. Die damit einhergehenden Probleme sind vielfältig und können dazu führen, dass sich ein solcher Vogel nie wieder komplett in eine Gruppe integrieren kann, weil der mit den vorherrschenden Gepflogenheiten nicht vertraut ist. Im besten Falle wird er einfach nur nicht akzeptiert, im schlimmsten Falle wird er das Opfer von Attacken, die durch seine Nichtbeachtung der Signale der anderen Schwarmmitglieder entstehen. Beispielsweise erhöht sich die Gefahr einer Bissattacke sehr stark, wenn der Vogel die Drohlaute seines Artgenossen nicht erkennen kann und auch kein Auge für die drohende Körpersprache hat. Auch das Paarungsverhalten kann durch eine zu frühe Trennung vom Schwarm gestört sein. Es sind Fälle bekannt, in denen ein normales Paarungsverhalten nicht möglich ist, da der betreffende Vogel die eindeutigen Signale, die für die Entstehung eines Paarungsaktes ausgesendet werden, nicht erkennt. Daher kann zwar ein normales Balzverhalten stattfinden, die eigentliche Paarung findet jedoch nicht statt. Die Hormone sind aber dennoch alle vorhanden und dies führt zu Frustration und Aggressivität, da das Tier nicht weiß, wie es seinem Trieb nachgehen soll.
Die hier beschriebenen Verhaltensstörungen entstehen in erster Linie dann, wenn ein Jungvogel zu früh von seinem Schwarm getrennt wurde und danach nicht direkt in eine Gruppe integriert wurde, sondern zunächst allein gehalten wurde. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Störungen nicht auftreten können, wenn der Jungvogel nach der Quarantänezeit in eine neue Gruppe oder zu einem neuen Partner gesetzt wird. Auch in diesem Fall kann es zu solchen Auffälligkeiten kommen.
Nicht selten kommt es dazu, dass sich ein zu früh von seinen Artgenossen getrennter Vogel fehlprägt und einen zu starken Bezug zu ‚seinem‘ Menschen entwickelt, insbesondere, wenn er per Hand aufgezogen wurde. Diese Art der Fehlprägung kann zu eher harmlosen Folgen wie dem gelegentlichen Missbrauchen der menschlichen Hand zur Paarung bis hin zu extremeren Folgen wie dem eifersüchtigen Attackieren aller anderen Menschen in der Umgebung des Herrchens oder Frauchens führen. Solche Attacken gehen oftmals mit schmerzhaften Bissen einher. Da eine solche Fehlprägung nur sehr schwer wieder rückgängig zu machen ist, sollte man sein Möglichstes tun, um so etwas gar nicht erst entstehen zu lassen.
Wellensittiche, die zu früh von ihrem Schwarm getrennt wurden, neigen dazu, ihre Stimme stärker einzusetzen als ihre Artgenossen. Teilweise sind ein ständiges Kreischen oder dauernde laute Kontaktrufe die Folge. Diese Kontaktrufe können auch durch die oben beschriebene Fehlprägung entstehen, wenn nämlich der betreffende Vogel verzweifelt versucht, die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich zu ziehen. Dies ist für alle Beteiligten sehr entnervend und führt oftmals zur Abgabe des Vogels.
Eine weitere Folge einer zu frühen Trennung vom Schwarm kann das Federrupfen sein, eine Art selbstverletzenden Verhaltens, bei der der Vogel sich mehr oder weniger stark selbst seine Federn ausreißt und sich teilweise auch Wunden auf der Haut zufügt. Dieses Verhalten ist schwer wieder in den Griff zu bekommen, daher ist es wichtig, dass es gar nicht erst dazu kommt.
Was folgt nun aus diesen Hinweisen? Es ist wichtig, dass ein junger Wellensittich lange genug bei seinen Artgenossen bleibt, um eigenständig fressen zu lernen, sich mit den Gepflogenheiten seines Schwarmes vertraut zu machen und um seelisch keinen Schaden zu erleiden. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, um einen jungen Wellensittich von seinen Eltern zu trennen?
Es werden verschiedene Zeitangaben diskutiert, wir empfehlen, dass ein Jungvogel mindestens acht Wochen, im Idealfall zwölf Wochen bei seinen Artgenossen bleiben sollte, bevor man ihn von seinen Eltern trennt und in eine andere Gruppe bzw. zu einem neuen Partner gibt. Denn nicht nur der Jungvogel selbst nimmt Schaden, auch für die Elterntiere ist es eine traumatisierende Erfahrung, wenn der Nachwuchs von einem Moment auf den anderen nicht mehr da ist. Trennt man einen Vogel schon mit acht Wochen von seinen Eltern, ist es wichtig, dass er mit einem Geschwistertier zusammen abgegeben wird und in einen Schwarm kommt, um die ‚verlorenen‘ vier Wochen aufholen zu können. Ein Geschwistertier ist deswegen notwendig, weil ältere Wellensittiche oftmals mit den ganz jungen nichts anfangen können und diese ansonsten ausgegrenzt und unter Umständen sogar angegriffen werden, wenn sie aus einem Mangel an gleichaltrigen Kameraden Annäherungsversuche machen.
Wenn Vögel früher von ihren Eltern getrennt werden, mit dem Argument, sie würden dann schneller zahm, kann man dazu nur sagen, dass das Unfug ist. Ein Vogel mit zwölf Wochen gewöhnt sich ebenso schnell an den Menschen wie ein jüngeres Tier, wenn man sich nur genug mit ihm beschäftigt. Ohnehin ist auch ein sehr junger Wellensittich keine Garantie für Zahmheit, da manche Wellensittiche aufgrund ihres Charakters nie zahm werden. Dabei spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle und das Alter des Wellensittichs ist als nichtig zu bewerten.
RGr