Nicht selten hört man von einem Wellensittich-Halter, er sei auf einmal aus heiterem Himmel und oft auch erst, nachdem er seine Vögel schon eine ganze Weile hat, von diesen gebissen worden. Das ruft zumeist Unverständnis und sogar Argwohn beim Menschen hervor. Doch was steckt hinter dem bissigen Wellensittich?
Beobachtet man seine Wellensittiche und ihren Umgang
miteinander, stellt man schnell fest, dass ihr Schnabel für
sie und ihr Sozialverhalten eine große Rolle spielt. Er dient
ihnen dazu, einen Partner zu füttern, sich gegen einen
Artgenossen zu verteidigen oder durch sanftes Kraulen oder
Beißen seine Zuneigung zu bekunden.
Außerdem erkunden die Vögel sowohl mit Schnabel als auch Zunge ihnen unbekannte Dinge, wie etwa ein neues Spielzeug oder auch eine bislang
nicht probierte Sorte Obst.
Fasst ein Wellensittich nach und nach Vertrauen zu seinem Halter, kommt zu ihm für etwas Futter oder zum Spielen auf die Hand, passiert es nicht selten, dass er auch seinem menschlichen Gegenüber seine Zuneigung bekunden möchte. Und hierbei geht er natürlich – ganz nach Wellensittichart – genauso vor, als habe er einen Artgenossen vor sich: Er untersucht mit Schnabel und Zunge die Hautbeschaffenheit, zupft an einem Härchen und/oder knabbert an einem Finger oder der Hand. Dabei kann es vorkommen, dass aus dem zunächst sanften Knabbern ein recht festes Beißen wird, so genannte Liebesbisse. Diese sind allerdings bei Wellensittichen ein Teil der Partnerwerbung und drücken große Zuneigung aus.
Sicherlich ist gerade das Beißen für uns Menschen relativ schmerzhaft, dennoch meint der Wellensittich es nicht böse und hat nicht die Absicht, uns weh zu tun. Seine Artgenossen sind mit einem dichten Federkleid ausgestattet, welches die Kraft des Schnabels abmildert. Wir Menschen haben keine solche Schutzschicht – aber das können die Vögel nicht wissen.
Auch wenn es vielleicht in einer solchen Situation nicht leicht
fällt, darf man seinen Wellensittich nicht verscheuchen oder
gar bestrafen, wenn er einen auf diese Weise beißt. Der Vogel
versteht eine solch negative Reaktion nicht, ist sehr irritiert und
fühlt sich zurückgewiesen. Schließlich haben wir
ihm vorher durch das Zulassen der Nähe vermittelt, dass wir
ihn auch mögen.
Ein Wellensittich, der aus einer für ihn nicht bedrohlichen
Situation plötzlich beißt, will uns Menschen damit also
sagen: „Weißt Du, ich hab Dich wirklich
gern!“
Wellensittich Rocco ist neugierig und untersucht die Hand seines Menschen ganz genau.
Wellensittiche sind Fluchttiere und haben eine natürliche
Angst davor, bedrängt oder in die Hand genommen zu werden.
Hält man sie fest, ist es für sie, als hätte etwa
ein Greifvogel sie in seinen Klauen, was in aller Regel das Ende
für den Wellensittich bedeutet. Es sei denn, er wehrt sich
nach Leibeskräften – und zwar mit dem Schnabel. So ist
es nicht verwunderlich, dass ein in der Hand gehaltener
Wellensittich um sich beißt. Diese Situation konnte
vermutlich jeder Wellensittich-Halter spätestens bei einem
Tierarztbesuch schon einmal beobachten.
Um seine Vögel nicht unnötig zu verstören, darf man
sie aus diesem Grunde keinesfalls einfach so greifen und in die
Hand nehmen! Nur die Notwendigkeit einer medizinischen Versorgung
(Untersuchung durch den Tierarzt, Verabreichung von Medikamenten,
Krallen schneiden etc.) rechtfertigt ein solches Vorgehen.
Missachtet man als Mensch die Tatsache, dass sich Wellensittiche für gewöhnlich nicht anfassen lassen möchten,
muss man sich nicht wundern, wenn sich der Vogel mit Hilfe seines
Schnabels wehrt.
Hat er erst einmal gelernt, dass er sich durch sein Beißen
Abstand verschaffen kann, kann sich daraus ein großes Problem
entwickeln. Nicht selten setzt ein zu Beginn so bedrängter
Vogel seine Waffe auch in später eigentlich harmlosen
Situationen ein, etwa wenn der Halter für den Wechsel von
Futter und Wasser in den Käfig greift.
Ist das Tier erst einmal auf dieses Verhalten konditioniert, ist es
sehr schwierig, so ein Verhaltensmuster zu durchbrechen, um wieder
normal mit dem Wellensittich umgehen zu können.
Aus diesem Grund gilt im Umgang mit Wellensittichen immer, dass
man nie grundlos nach ihnen greifen oder sie in die Hand nehmen
darf! Außerdem muss man ihnen immer die Möglichkeit zum
Rückzug lassen und darf sich ihnen nie für sie
unvorhergesehen nähern, schon gar nicht während sie
fressen oder schlafen.
Im Umgang mit seinen Vögeln muss man immer behutsam vorgehen,
dann merkt man auch schnell, wann es einem Vogel zuviel wird und er
in eine Abwehrhaltung geht: Dazu lehnt das Tier seinen Körper
zurück, versteift sich regelrecht und macht sich so bereit
für einen eventuellen Angriff auf seinen
‚Gegner’.
Reagiert ein Wellensittich aggressiv auf seinen Halter, ohne
dass dieser vorher den Vogel bedrängt hat, muss nach anderen
möglichen Ursachen geforscht werden.
Hat man etwa ein Abgabetier bei sich aufgenommen, kann es durchaus
sein, dass es von seinem vorherigen Besitzer gequält wurde und
sogar die Bissigkeit der Grund der Abgabe war. Ebenso kann ein
Fehler bei den Haltungsbedingungen zu gesteigerter
Aggressivität führen und es gilt zu prüfen, ob der
Sittich z.B. genügend Freiflug bekommt, um
überschüssige Energie loszuwerden oder eine ausreichend
lange und ungestörte Nachtruhe halten kann.
Auch eine Erkrankung kann die Ursache für eine plötzlich
auftretende Bissigkeit sein. Gerade wenn diese
Verhaltensänderung mit einem gesteigerten Ruhebedürfnis,
Apathie, Durchfall oder anderen/weiteren Krankheitsanzeichen
einhergeht, muss man als Halter hellhörig werden und darf
einen Besuch beim vogelkundigen Tierarzt nicht unnötig
hinauszögern.
Egal durch was das Beißen ausgelöst wird, bestrafen
darf man den Wellensittich dafür nie!
Handelt es sich bei dem Biss um einen Liebesbiss und damit eine
Zuneigungsbekundung, würde durch eine Strafe das
Verhältnis zwischen Wellensittich und seinem Halter nachhaltig
gestört, denn der Vogel versteht nicht, was er denn falsch
gemacht haben soll. Hier ist es viel eher der Halter, der das
Verhalten seines Tieres fehlinterpretiert und falsch darauf
reagiert.
Und auch wenn der Vogel aus einer Abwehrreaktion heraus beißt, hat er dafür keine Bestrafung verdient, denn hier liegt ebenfalls der Fehler vielmehr im Verhalten des Menschen. Ist ein Wellensittich aggressiv seinem Federlosen gegenüber, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas mit ihm oder seiner Haltung nicht stimmt. Hier gilt es also, die Ursache dafür herauszufinden und zu beheben.
Macht man sich als Halter von Wellensittichen die Mühe,
sich ausgiebig über sie, ihre Bedürfnisse und ihr
Verhalten zu informieren, wird man schnell lernen, wie man mit
ihnen umgehen sollte.
Bei richtigem und behutsamem Verhalten ihnen gegenüber, ohne
sie je für etwaige Zähmungsversuche zu bedrängen,
werden sie uns Menschen meist mit wachsendem Zutrauen belohnen, so
dass es sehr wahrscheinlich ist, dass man als Federloser im
weiteren Verlauf der Beziehung zu seinen Wellensittichen nur die
(wenn auch nicht gerade schmerzfreien) Liebesbisse zu spüren
bekommt. Und was kann denn schöner sein, als wenn ein
Wellensittich so deutlich zeigt, dass er einen gern hat?
Hier bekundet Billy seiner Federlosen gegenüber seine Zuneigung; sie findet er fast genauso interessant wie seine Artgenossen.
BLu