Es war Freitag Nachmittag und wieder mal kein Auftrag in Sicht. So saß ich gelangweilt auf meiner Stange und kaute etwas lustlos an einer Hirse herum. Plötzlich klopfte es und ich wurde aus meinen Tagträumen an süße Wellensittich-Hennen herausgerissen. "Herein", nuschelte ich, da ich gerade wieder den Schnabel voller Hirse hatte. Die Tür öffnete sich und es kam eine zierliche, aber gut gebaute Wellensittich-Dame herein. Sie war dunkelgrün mit einem gelben Kopf. Schnell setzte ich mich gerade hin. "Was wünschen sie, Lady?", fragte ich. "Mein Mann betrügt mich! Finden sie heraus mit wem", zwitscherte sie mit glockenheller, aber aufgebrachter Stimme. Ich hielt es für leicht zu verdienendes Geld und nahm den Fall an. Hätte ich gewusst, in was ich da hinein gerate, hätte ich abgelehnt.
Kaum hatte die Dame mein Büro verlassen, machte ich mich mit Kamera und ein paar Hirsekolben auf den Weg zu der Adresse, die sie mir genannt hatte. Die Dame, die wohl alle Lola nannten, aber bürgerlich Beach Zwitscher hieß, wohnte in einer noblen Vorstadtgegend mit Ein-Familien-Volieren. Ich fiel auf wie ein Wellensittich mit roten Federn mit meinem Schlapphut und meinem, zugegeben, schlecht gepflegten Gefieder. Ich legte mich hinter einem Brombeerstrauch auf die Lauer und stellte das Teleobjektiv von meiner Kamera scharf. Ich schaute durch das Objektiv und traute meinen Augen kaum: Der Ehemann der verehrten Dame ist Don Dusty. Einer der größten Hehler und Mafia-Bosse in Budgee-Village. Mittlerweile glaubte ich nicht mehr an einen kleinen Fremdgänger-Fall. Ich hatte hier einen ganz großen Vogel im Käscher. Leise flog ich näher ran. "".den bekommen wir schon weich, Boss", sagte ein schmieriger hagerer Typ im lila Gefieder, lispelnd. Die anderen fünf Wellensittiche, die um die Beiden herum standen, nickten eifrig. "Das will ich hoffen, du Idiot", sagte Don Dusty und gab dem armen lispelnden Ron eine Kopfnuss.
Ich traute meinen Ohren kaum. Don Dusty war tatsächlich wieder dabei, ein Ding zu drehen. Ich kroch etwas näher ran, um besser hören zu können was geplant war. "Es wird so ablaufen: Heute Abend am Hafen bei den Hafersäcken werden wir uns versammeln. Abends ist dort nur noch wenig los und wir fallen kaum auf. Die beiden Wachen, die den Hafer schützen sollen, werden wir mit Hirse und Knaulgrassamen überwältigen. Dann, wenn die beiden Wachen gefesselt sind, werden wir die Säcke an geschmierte Raben übergeben, die uns die Säcke in unser Versteck bringen. Ich werde sie dann nach Welli-Hafen verkaufen und die fette Kohle machen." Don Dusty lachte ein schmutziges Lachen und die anderen stimmten ein.
Ich merkte, dass diese Sache doch etwas zu groß für mich war. Glücklicherweise hatte ich mein Diktiergerät eingeschaltet und alles mitgeschnitten. Damit ging ich zur Polizei. Die lachten erst als sie mich sahen. "Na, Big Timon, welcher Hund ist denn heute entlaufen?", fragte mich der dicke Kommissar George und lachte dröhnend. "Don Dusty und seine Bande", antwortete ich ruhig und holte mein Diktiergerät heraus und spulte es auf Anfang.
Kommissar George saß mit offenen Mund da und meinte dann, sich verlegen räuspernd: "Ich glaube ich muss mich bei dir entschuldigen, Big Timon. Da bist du wirklich auf einer ganz heißen Spur." Ich nahm seine Entschuldigung unter der Bedingung an, dass ich bei der Polizei-Aktion dabei sein durfte. Kommissar George willigte ein und gab mir zum Abschied lächelnd den Flügel. "Ich rufe dich an, wann wir zuschlagen werden."
Zufrieden ging ich nach hause, um erst mal ein paar Schnabel voll Futter zu mir zu nehmen. Nach einem kurzen Schläfchen auf meiner Schaukel, machte ich mich auf den Weg zu Lola, um ihr meine Recherchen mitzuteilen.
Bei Lola angekommen klingelte ich an ihrer Voliere und sie ließ mich in ihr sehr gepflegtes Heim eintreten. "Big Timon, schön Sie zu sehen, kommen Sie doch herein", zwitscherte sie. "Darf ich Ihnen ein Tässchen Wasser anbieten?" "Gern", antwortete ich und setzte mich.
Sie trippelte hinaus und kam mit zwei Näpfen mit Wasser auf einem Tablett wieder herein. "Haben Sie Neuigkeiten für mich?", fragte Lola mich. "Ja, aber nicht wie Sie denken.", sagte ich. Ich sah, dass sie stutzte. "Don Dusty betrügt Sie nicht. Er plant wieder einen ganz großen Coup. Er will im Hafen den Hafer klauen, um ihn für viel Mais ins Ausland zu verticken. Ähhhh zu verkaufen."
Nach dieser Nachricht sagte Lola erst mal gar nichts. Dann schien sie sich gefasst zu haben und sagte nur: "Er hatte mir versprochen, damit aufzuhören. Schon der Kinder wegen. Aber ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit." Sie reichte mir einen Scheck. Ich bedankte mich und ging. Doch ich ging mit einem unguten Gefühl.
So gegen Mitternacht bekam ich endlich den Anruf von Kommissar George, dass ich nun zum Hafen kommen solle. Ich machte mich sofort auf den Weg. Als ich ankam waren Don Dusty und seine Bande schon von Polizei umzingelt. "Nun nur keinen Fehler machen", dachte ich. Da ging es auch schon los. Don Dusty und seine Bande überwältigten die Wachen wie angekündigt mit leckerer Hirse, und sie hatten gerade über Funk die Raben gerufen, als die Polizei schon zuschlug. Die ganze Bande wurde verhaftet samt Boss und Raben. "Danke mir für den guten Tipp" sagte Kommissar George, der schon lange hinter Don Dusty hergewesen war, und reichte mir seinen Flügel, während Don Dusty abgeführt wurde.
Abends in der Tagesschau: "Heute ist der Polizei ein Schlag gegen den illegalen Handel von Hafer gelungen. Der berühmt-berüchtigte Don Dusty und seine Bande wurden auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Sie haben jeweils mit einer hohen Haftstrafe in der Gefängnisvoliere ohne Freiflug zu rechnen."
Einige Wochen später: Ich machte mich gerade fertig, als es an meiner Tür klopfte. Ich machte auf und vor mir stand Lola. "Wenn du gerade nichts vorhast, würde ich mich freuen, wenn du mit mir einen Tee trinken würdest." Ich lächelte und nickte nur.
Es blieb nicht nur beim Tee trinken, aber das ist eine andere Geschichte".
ENDE
© Birgit Winderlich