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Schredder-Elli hat ausgeschreddert

Ich traf mich mit Kommissar George auf einen Napf Wasser in einer Bar. Es sollte mal wieder ein rechter Männer-Abend werden. Wie immer kam er zu spät. "Tschuldigung...", sagte er außer Atem. "Der Fall, an dem ich gerade dran bin, ist echt zeitraubend und sehr kniffelig."

"Ja, nun setz dich erst mal und komm wieder zu Atem", sagte ich beruhigend und schob ihn auf eine Schaukel. Ich kannte diesen Satz schon, da er ja immer zu spät kam und das immer wegen seiner Arbeit.

Als wir nun auf unsere Getränke warteten, fragte ich wie nebenbei: "Was ist denn das für ein Fall, an dem du da gerade arbeitest?"

"Ach, wir haben Hinweise, dass Schredder-Elli und ihre Bande mal wieder ihr Unwesen treibt. Überall in der Stadt siehst du fast zerschredderte Korkrinden. Von Apfelbäumen fehlt die Rinde und dergleichen mehr. Selbst vor Küken-Spielplätzen und Seniorenheimen wird nicht Halt gemacht. Welli-Eltern lassen ihre Kinder schon nicht mehr auf die Spielplätze, und die Welli-Senioren haben auch nur noch Angst und kommen nicht mehr vor die Tür."

"Hm, hört sich nach reiner Zerstörungswut an", sagte ich, "Ja, du hast Recht. Die Bande will nur Aufmerksamkeit erregen, will Schlagzeilen machen Immer, wenn sie eine Weile ruhig war und die Stadt in Ruhe lebt, fangen sie mit ihrem Werk der Zerstörung an. Noch nie hat sie jemals einer erwischt. Wir wissen auch nicht, wie viele Wellis zu der Bande gehören. Wir wissen nur, das der Kopf der Bande ein Weibchen ist. Mehr wissen wir leider auch nicht", sagte er resigniert und nahm einen Schluck Wasser.

"Wenn du willst, kann ich mich ja mal umhören. Ich kann ja mal ein wenig herumstochern. Vielleicht bekomme ich ja etwas heraus", sagte ich und klopfte Kommissar George beruhigend auf den Flügel.

"Einen Versuch ist es wert", sagte Kommissar George und lächelte nun endlich mal wieder. Wir tranken aus, zahlten und verabschiedeten uns herzlich voneinander.

"Du hast ja schon so manchen kniffeligen Fall gelöst", sagte Kommissar George und wendete sich zum Fliegen. Auch ich machte mich zum Fliegen bereit, nickte lächelnd und flog davon.
Gleich am nächsten Tag machte ich mich an die Arbeit. Ich schaute mir erst einmal die Schäden an, die die Bande hinterlassen hatte. Es war eine Schneise der Verwüstung.

Ich fragte mich, ob es die sogenannte "Blaue Patty und ihre Bande" war. Sie waren von der Polizei "Schredder-Elli und ihre Bande" getauft worden, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass "Schredder-Elli" und die "blaue Patty" ein und dieselbe Person sein könnten. Die blaue Patty und ihre Bande waren ein Haufen Straßen-Jung-Wellis, die ziemlich allein dastanden. Es gab zwar Street-Wellis, nur die konnten nicht überall zugleich sein. Es war schlimm mit diesen Straßen-Kids, doch der Schwarm hatte sich an sie gewöhnt und kaum einer hatte so recht Mitleid mit ihnen.

Ich suchte die ganze Stadt ab. Nach zwei Stunden ziellosem Herumgefliege fand ich sie. In einer alten baufälligen Abbruch-Voliere.

"Hey, du", sprach ich den ersten Jung-Hahn an der mir über den Weg flog. "W"was wollen Sie", fragte er, mich argwöhnisch beobachtend. "Bring mich bitte zu deiner Anführerin, der blauen Patty." "Warum sollte ich das tun?" Ich merkte wie misstrauisch er war und sagte darauf besänftigend. "Ich will doch nur mal mit ihr reden. Komm schon. Bring mich zu ihr. Keine Angst, ich will euch nicht bedrohen oder verpfeifen oder so was. Da brauchst du echt keine Angst haben."

"Na gut. Komm mit", sagte der Junge und flog voraus. Er flog so schnell, dass ich kaum hinterher kam. Ausserdem kannte er sich in dem düsteren und verwinkelten Gebäude gut aus, im Gegensatz zu mir, der ihn im Zwielicht nicht so richtig sehen konnte.

Endlich kamen wir in einen Raum, der das wohl das "Wohnzimmer" der Kids darstellte. An einem zusammen geschusterten Tisch saß auf einer einfachen Stange eine Junghenne. Sie hatte wohl gerade die Jungmauser hinter sich. Sie war eine hübsche Junghenne mit hellblauem Gefieder, starker Wellenzeichnung an den Flügeln und einem schneeweißem Kopf

"Patty, der da will mit dir reden", sagte der Junge, der mich hergeführt hatte. "Bist du n Bulle", fragte Patty mit dem gleichen Argwohn wie der Junge vorhin. "Nein", sagte ich. "Ich bin Privat-Detektiv." "Soso, und was willst du von mir beziehungsweise uns?" "Überall fehlt die Rinde an Apfelbäumen. Spielplätze und Parks sind zerstört oder verwüstet. Ihr wisst nicht zufällig, wer das war, oder?" "Und wenn wir das waren, was dann", fragte Patty provozierend. "Na, diejenigen, die schon strafmündig sind, würden angezeigt werden." "Die große Frage ist hier doch: Wer weiß, dass wir das waren", fragte Patty mit schneidender Stimme. "Bis jetzt nur ich. Ich wollte eben mit euch reden, bevor die Polizei einschreitet. Solche Zerstörungsstreifzüge bringen euch doch auch nicht weiter oder?" Patty schaute betreten zu Boden. "Nein, nicht so wirklich. Nur manchmal muss der Frust einfach raus. Es kümmert sich ja eh kaum einer um uns. Freizeitangebote gibt es auch kaum noch. Alles wird geschlossen. Wir Straßenkids sind eben nirgends gern gesehen." Mir taten die Kids leid und ich versprach ihnen zu helfen, unter der Bedingung dass sie mit diesen Streifzügen aufhören. "Für Kommissar George fällt mir schon die richtige Aussage ein", sagte ich lächelnd und verabschiedete mich von den Kindern.

Ein paar Tage später sprach ich mit der Stadtverwaltung. Ich wollte ein Benefiz-Konzert zugunsten von WSKIN = Welli-Straßen-Kids-In-Not hochziehen, und ich konnte sogar einige bekannte Sänger/Sängerinnen und Gruppen für mein Projekt begeistern.

Es traten Promis auf wie Sarah Condor, Robbe Williams, Die Killerwale usw. Es kam genug Geld zusammen, um einen Käfig, den die Stadt mitfrei zur Verfügung stellte, nach den Bedürfnissen der Kids einzurichten. Einen Ort, wo sie sich mal aussprechen konnten und wo ihnen ein bisschen Wärme zuteil wurde.

Patty und ihre Bande waren von da an sehr oft in diesem Haus anzutreffen und sahen nun einer etwas rosigeren Zukunft entgegen.

ENDE

© Birgit Winderlich

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