In einem kleinen Haus, vor gar nicht langer Zeit, lebte ein kleiner grüner Wellensittich zusammen mit einer Menschenfamilie. Eigentlich ging es ihm gut, er hatte genug zu essen und zu trinken, durfte umherfliegen und alle waren sehr lieb zu ihm. Und dennoch war es ihm oft so schwer um sein kleines Herzchen, weil er sah, dass die Menschen einander liebhatten, sich oft in den Arm nahmen, sich in ihrer Sprache unterhielten und zusammen lachten. Er hingegen hatte oft nur den schweigsamen Kameraden in dem silbrigen runden Teil, das die Menschen "Spiegel" nannten.
In diesen Tagen sprachen die Menschen oft von Weihnachten und der kleine
Wellensittich war schon ganz aufgeregt, weil zu Weihnachten immer etwas ganz
Besonderes und Wunderbares geschah. Die Menschen stellten einen großen
Tannenbaum im Wohnzimmer auf, der prächtig geschmückt wurde.
Ganz
oben auf die Spitze steckten sie einen Weihnachtsengel. Der kleine Wellensittich
liebte diesen Weihnachtsengel, weil er Flügel mit richtigen Federn hatte
- genauso wie er selbst.
Der Weihnachtsabend kam und ging, und als die Menschen schließlich das
Licht löschten und zu Bett gingen, fiel der Mondschein der klaren, kalten
Winternacht genau auf den Weihnachtsengel. "Oh, könntest du doch
von deinem Baum herabsteigen und zu mir in den Käfig kommen", dachte
der kleine Wellensittich, "die Menschen sagen doch immer, dass Weihnachten
Wünsche wahr werden." Aber der Weihnachtsengel blieb schweigsam,
so wie jedes Jahr.
Betrübt schloss der kleine Wellensittich die Augen. "Ich werde
die Augen ganz einfach nicht mehr aufmachen", dachte er bei sich bevor
er einschlief, "wenigstens in meinen Träumen bin ich nicht alleine."
In seinem Traum begann der Weihnachtsengel sich zu verändern. Seine Flügel
wurden dunkler und zeigten ein wunderschönes Wellenmuster, die Nase verwandelte
sich in einen zierlichen Schnabel, und wo zuvor noch das Engelsgewand gewesen
war, bildeten sich nun leuchtend grüne Federn. Und das Unglaublichste
war, dass der Engel plötzlich zu sprechen begann: "Guten Abend,
mein kleiner Freund, ich beobachte dich nun schon seit einigen Jahren jedes
Weihnachten. Was ist es, das dich so traurig macht?" "Ach",
sagte der kleine Wellensittich, "die Menschen sind fröhlich und
feiern, und obwohl alle so lieb zu mir sind, fühle ich mich doch so einsam,
vor allem nachts, wenn die Menschen schlafen." "Ja, das ist wahrhaftig
traurig", sprach der Weihnachtsengel, "deine Traurigkeit berührt
mich sehr. Ich werde sehen, was ich für dich tun kann." Und nachdem
er diese Worte gesprochen hatte, verwandelte er sich wieder in den Weihnachtsengel
mit seinen weißen Flügeln und dem Engelsgewand. "Ach, könnte
es doch wahr sein, dass der Engel mir wirklich helfen kann", wisperte
der kleine Wellensittich im Traum, "aber wie sollte es? Ich werde die
Augen wirklich nicht mehr aufmachen."

Die Zeit verging, und hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah der kleine
Wellensittich, dass das Mondlicht einem hellen Wintermorgen gewichen war.
Dennoch hielt er die Augen fest geschlossen und klammerte sich weiter beharrlich
an seinen schönen Traum. Er nahm kaum wahr, dass leise, trippelnde Schritte
und unterdrücktes Kichern und Flüstern den Raum füllten. "Ob
er sich wohl freut?" "Ganz bestimmt! Der Ärmste war ja wirklich
viel zu lange alleine."
"Du liebe Zeit! Wo bin ich denn hier hingeraten?", zwitscherte plötzlich
ein helles Stimmchen, "und wer bist du überhaupt? Du bist ja hübsch!
Aber du könntest wenigstens die Augen aufmachen und Guten Tag sagen!"
Vorsichtig blinzelte der kleine Wellensittich, um im nächsten Augenblick
beide Augen weit aufzureißen. Vor ihm, in einem zweiten Käfig,
saß das schönste Wesen, was er jemals gesehen hatte. Ein zierlicher
Schnabel, Flügel mit einem wunderschönen, dunklen Wellenmuster und
leuchtend grünen Federn. Überwältigt schloss der kleine Wellensittich
noch einmal kurz die Augen. So viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf
und er wollte doch so viel mehr sagen als nur Guten Tag.
Und in diesem kurzen Moment der Stille meinte er das leise Lachen des Weihnachtsengels
zu hören.

© Stef