Das ist ein sich hartnäckig haltendes Gerücht. Es gibt ganze Minischwärme,
die sehr zahm sind. Andersherum sucht mancher einzeln gehaltene Welli niemals
Anschluss an den Menschen. Ob ein Wellensittich jemals zahm wird, hängt
nicht zuletzt von dem Charakter des Tieres ab.
Viele Leute kaufen sich zunächst einen Wellensittich, um den zahm zu
bekommen, und kaufen dann erst den zweiten. Im Prinzip ist dagegen nicht viel
einzuwenden, wenn denn der zweite Welli auch dann gekauft wird, wenn der erste
nicht zahm wird... Und ewig lange sollte man nicht warten. Denn jeder Tag
ohne Artgenossen ist für den kleinen Welli langweilig und traurig.
Deswegen sollte man sich fragen, ob es nicht besser wäre, direkt ein
Pärchen zu kaufen - Geduld und Zeit braucht man in jedem Fall, da spielt
es keine Rolle, dass es nun gleich zwei vielleicht noch etwas unsichere Wellis
sind. Für die Piepmätze ist es auf jeden Fall schöner, wenn
sie gleich zu zweit das neue Zuhause beziehen. Da fällt die Eingewöhnung
gleich viel leichter.
Generell kann man sagen, je älter ein Wellensittich, desto schwieriger wird es, ihn an die Hand zu gewöhnen. Am einfachsten bekommt man einen sehr jungen Wellensittich zahm, der gerade futterfest ist. Aber man muss unbedingt "dranbleiben"; erste Erfolge sind oft zunichte, wenn man sich mal ein paar Tage nicht intensiv mit dem Kleinen beschäftigt.
Oberste Devise: Niemals mit Gewalt etwas erzwingen wollen! Der Welli muss Vertrauen zu seinem Futtergeber fassen. Das Problematischste ist wohl die Hand, mit der sehr viele Wellensittiche schon früh schlechte Erfahrungen gemacht haben. Deswegen braucht man sehr sehr viel Geduld und einen kräftigen Arm beim stundenlangen ruhigen "Hand hinhalten". Zeigt der Wellensittich Angst, sollte man ihn nicht weiter bedrängen, sondern lieb mit ihm sprechen und die Hand zurückziehen.
Die rote ist besonders lecker und hat schon
so manchen Wellensittich dazu gebracht, das erste Mal aus der Hand zu fressen
und vielleicht sogar ein Füßchen auf die Hand des Futtergebers
zu setzen.
Sinnigerweise sollte der Welli vorher wissen, was Kolbenhirse überhaupt
ist und wie prima sie schmeckt...
Und niemals! den Welli hungern lassen, damit er auf die Hand steigt. Das hat
dann mit Vertrauen nichts mehr zu tun; da wird einfach seine Not ausgenutzt
und bringt nicht viel. Solche Methoden sollten der Vergangenheit angehören,
denn das grenzt an Tierquälerei.
Trotz allem Zähmungseifer sollte man den Welli aber natürlich nicht
mit Kolbenhirse überfüttern; denn sie ist eine Nascherei und darf
nicht zum Hauptnahrungsmittel werden.
Immer wieder stößt man in Büchern oder auch im Netz auf Beschreibungen, wie man Wellensittiche zähmen kann. So manche Methode lässt einem Tierfreund das Blut in den Adern gefrieren. Wir wollen keine Details nennen. Der einzig richtige Weg zur tiergerechten Zähmung führt über Geduld. Zwang kann keine Lösung sein! Und wenn ein Wellensittich partout nicht zahm werden will, dann müssen wir das akzeptieren.

"Erstmal vorsichtig gucken ...

... dann probieren ...

... schmeckt, und die Hand tut nix ...

... dann haue ich richtig rein ...

... und weil ich keine Angst habe, bleibe ich sogar sitzen, wenn ich satt
bin!"
Wie wichtig ist Zahmheit? Sicherlich ist
es schön, wenn unsere Wellensittiche Vertrauen zu uns haben und freiwillig
auf die Hand oder die Schulter klettern. Aber jeder Futtergeber sollte sich
auch im Vorhinein darüber klar sein, dass nicht jeder Vogel zahm wird
und damit leben können. Wer einen nicht zahmen Welli als genauso liebenswert
empfinden kann wie einen zahmen, wird später keine Enttäuschungen
erleben.
Wer jedoch unbedingt und auf jeden Fall zahme Schmusetiere haben will, ist
mit Wellensittichen nicht gut beraten, denn eine Garantie gibt es eben niemals.
Immer mehr Wellensittichhalter lösen sich von der verstaubten Vorstellung
des zahmen, anhänglichen Einzelvogels und versuchen, ihren Vögeln
ein Optimum an artgerechter Lebensqualität zu bieten. Dabei entdecken
die Federlosen, wie schön es ist, einfach mal nur zuzuschauen beim "Welli-TV"
und sich am natürlichen und verspielten Schwarmverhalten zu erfreuen.
Dazu muss man sich nicht gleich eine ganze Horde Australier ins Haus holen.
Schon zwei Wellensittiche zeigen ein breites Verhaltensspektrum mit Kraulen,
Füttern und Spielen, das schnell erkennen lässt, dass der dringende
Wunsch nach Zahmheit eigentlich nur unser purer Egoismus ist.
Plötzlich dann tritt dieser Gedanke in den Hintergrund, und wir lernen,
unsere Haustiere als das zu lieben und behandeln, was sie sind: Tiere mit
ihren eigenen Bedürfnissen, denen wir die bestmöglichen Bedingungen
schaffen müssen.
Denn wir haben die Verantwortung, unsere Tiere haben keine Wahl; also sollten
wir tun was wir können, um unseren gefiederten Freunden das Leben so
schön wie möglich zu gestalten.
Ein Wellensittich wird wohl nie danke sagen, aber tut er das nicht mit seinen strahlenden Augen und seinem lauten Geschimpfe, wenn er mit seinen Kumpels zum zehnten Mal und mit wachsender Begeisterung vor der ausgestreckten Hand mit der Kolbenhirse flüchtet? Wenn wir begreifen, dass die wahre Freude für uns in der Erkenntnis liegt, dass es unseren Schützlingen gut geht, ist Zahmheit bald gar nicht mehr so wichtig.
SHe