Ich war völlig überfordert und panisch, wusste nicht mit der Situation umzugehen und sah alle meine Wellis schon einen qualvollen Tod sterben…
Mittlerweile habe ich mich viel mit dieser Krankheit beschäftigt. Habe viel gelesen, im Internet recherchiert, mit einigen vogelkundigen Tierärzten, Biologen und auch Ornithologen gesprochen. Die anfängliche Panik wurde im Laufe der Monate immer kleiner, Stück für Stück setzte sich bei mir innerlich ein Puzzle zusammen, wo zuvor nur lauter Fragezeichen standen.
Ich weiß, dass noch immer viele Unsicherheiten bestehen und es ist ja auch Einiges noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen/ erklärt worden.
Es gibt viele verschiedene Einstellungen zu Megas und mir ist bewusst, dass meine eigene Meinung nicht die populärste davon ist. Dennoch möchte ich mit diesem Artikel zum nachdenken und diskutieren anregen. Und ich möchte erklären, was mich schlussendlich dazu brachte, inzwischen fast schon “relaxed“ an das Thema heranzugehen.
Der Erreger Macrorhabdus ornithogaster wurde erstmals 1977 nachgewiesen und verhindert eine optimale Futterverwertung durch Schädigungen des Drüsenmagens und des weiteren Verdauungstraktes. Viele Jahre lang nahm man an, dass es sich um übergroße Bakterien handelt, bis man 2003 den eindeutigen Nachweis dafür fand, dass es sich um eine Art Hefepilz handelt.
Erst seitdem, wird der Erreger mit diesem Hintergrundwissen entsprechend erforscht – und das auch nicht besonders intensiv. Immerhin handelt es sich nicht um eine Krankheit, die für den Menschen bedeutsame Nutztiere wie Rinder oder Schweine befällt, oder größere, „wertvollere“ Heimtiere wie Hunde oder Katzen für welche die Halter im Krankheitsfall viel Geld ausgeben würden. Eine umfassende Forschung scheint also für viele Pharmaunternehmen und/ oder Veterinäre nach wie vor wenig einträglich und bleibt somit den wenigen Idealisten der Vogelmedizin vorbehalten. Dennoch kamen in den letzten 10 Jahren einige interessante Erkenntnisse zusammen…
So erzählte mir eine vogelkundige Tierärztin von ihrem Studium, in welchem sie auch mehrere Wochen in der Pathologie eines Instituts für Vogelmedizin praktische Erfahrungen sammelte. Sie berichtete davon, dass sie zusammen mit ihrem Doktorvater in dieser Zeit etwa 30 Wellensittiche posthum auf die Todesursache untersucht hatte. Die Tiere kamen aus ganz Deutschland, aus ganz unterschiedlichen Haltungsbedingungen und waren auf verschiedenste Art und Weise verstorben. Bei ca. 70% der Vögel wurden bei den Untersuchungen Megas nachgewiesen. Allerdings war bei den wenigsten Tieren dieser Hefepilz gleichzeitig die Todesursache.
Auch war ihr eine Untersuchung aus dem Ausland bekannt, in der sogar von einer Infektionsrate von 80% gesprochen wurde. Eine andere klinische Auswertung von über mehrere Jahre hinweg diagnostizierten Krankheiten (1997 – 2003) einer deutschen Universität brachte rund 60% positiv getestete Wellensittiche hervor - ein deutliches Indiz auf eine sehr große Verbreitung des Hefepilzes.
Eine andere Tierärztin schrieb eine Dissertation über das Thema Macrorhabus ornithogaster, welche man im Internet nachlesen kann. Darin steht, dass auch bei Finken, Hühnervögeln, Gänsen und Tauben (darunter auch Wildtiere) der Erreger gefunden werden konnte – wenn auch in wenigen Fällen.
Diese Tierärztin untersuchte Proben infizierter Vögel auf diversen Nährmedien und stellte fest, dass Megabakterien nicht auf allen Nährmedien nachgewiesen werden können. Lediglich in flüssigen Nährmedien, hielt sich der Erreger in den meisten Fällen über einige Zeit, bis er auch darin nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Anzuchtergebnisse des Hefepilzes in Hühnerembryonen brachten ähnliche Ergebnisse. Testergebnisse auf den Erreger, sind nach einhelliger Meinung der Fachwelt nur dann recht zuverlässig, wenn man die Proben direkt aus dem Drüsenmagen entnimmt - eine Untersuchung, die man nur nach dem Tod des Vogels durchführen kann.
Weiter berichteten zwei Tierärzte im Jahr 2008 auf einem Symposium davon, dass sie trotz umfangreicher Tests nicht eindeutig nachweisen konnten, dass Macrorhabdus ornithogaster pathogen (krankmachend) ist. Im selben Jahr sprach man erstmals von der Vermutung, dass es sich bei den Hefepilzen eventuell sogar um einen inzwischen normalen Bestandteil einer gesunden Magen-Darm-Flora handeln könnte. In jedem Organismus gibt es diverse Bakterien und Hefen. Ein gesundes Milieu besteht aus einem gut ausbalancierten Anteil an solchen „Keimen“ und braucht diese auch, um stabil zu bleiben und z.B. Antikörper zu bilden.
Gut möglich, dass ich mir aus all dem was ich gelesen habe, nur das “gemerkt“ habe, was mir den Umgang mit Macrorhabdiose leichter macht. Gerade weil es auch Studien gibt, die andere Ergebnisse hervorgebracht haben. Vielleicht ist es dabei, wie bei vielen anderen Dingen im Leben auch. Man muss sich für die Variante entscheiden, die einem am ehesten glaubhaft und logisch erscheint.
Gespräche mit Fachleuten, die eigenen Erfahrungen und die Fälle, die ich im welli.net Forum las bestätigten meinen Eindruck, dass sehr häufig auch Faktoren wie Streß, Mauser oder Sekundärerkrankungen im Spiel waren, wenn die Krankheit ausbrach. Zu viele Indizien sprechen also meiner persönlichen Meinung nach dafür, dass Macrorhabdiose alleine nicht ausreicht um einen Vogel krank zu machen.
Davon abgesehen, dass wohl definitiv mehrere widrige Umstände vorliegen müssen damit es zum Ausbruch kommt, hat sich bei mir persönlich auch die Frage eingebrannt, welcher Wellensittich denn bei der hohen Infektionsrate nun eigentlich überhaupt noch „gesund“ sein könnte. Sei es beim Züchter, im Zoogeschäft, Tierheim, Tierarzt, privatem Halter – überall kommen Tiere verschiedener Herkunft zusammen. Welcher Bestand kann also bitte noch als 100% gesund gelten? In meinen Augen keiner => ergo, hat auch jeder Vogel schon mal Kontakt zu einem infiziertem Vogel gehabt, müsste also mindestens als latent infiziert gelten.
Daher habe ich inzwischen auch keine Bedenken mehr, gesunde und nachweislich infizierte Wellis zu vergesellschaften. Das Ansteckungsrisiko scheint mir zu gering, sollte es überhaupt (noch) vorhanden sein. In meinem Schwarm leben Piepser die bereits akute Megas-Schübe hatten, Megas-Träger die aber noch nie behandelt werden mussten und Vögel, die bisher immer unauffällig waren zusammen. Die Gruppe ist harmonisch und durchweg gesund und ich kenne viele andere Vogelhalter, bei denen es ähnlich ist.
Ich versuche so gut es geht durch einen geregelten Tagesablauf, regelmäßige PT12 Kuren, konsequenten Verzicht auf Zucker und anderer prophylaktischer Maßnahmen für ein stabiles Immunsystem meiner Wellensittiche zu sorgen. Im Hinterkopf habe ich das Wissen, dass es bei jedem(!) meiner Vögel irgendwann mal zu einem Megas-Schub kommen könnte, aber bisher scheint es gut zu funktionieren.
Zudem habe ich ja mittlerweile auch eigene Erfolgserlebnisse im Sinne von: “Schub überstanden“ vorzuweisen. Das wiederum macht mich natürlich optimistischer, es beim nächsten Krankheitsausbruch auch wieder in den Griff bekommen zu können - sofern er denn kommen sollte. Deswegen gehe ich mit dem Thema Megabakterien inzwischen auch entspannt um und glaubt mir, damit geht es einem auch wesentlich besser.
Ich wünsche Euch allen, irgendwann eine ebenso entspannte Einstellung diesbezüglich leben zu können und die Krankheit nicht als Schreckgespenst in Euren Gedanken wohnen zu lassen.
Ich wünsche Euch allen, dass Ihr Macrorhabdiose irgendwann als das seht, was sie zweifelsohne ist: eine Krankheit, die unsere Wellis besiegen können.
Ich wünsche UNS allen, dass wir irgendwann gemeinsam sagen können: Megas! Na und??