Wenn man von einem flugunfähigen Wellensittich hört, kommt oft
erst einmal die Frage auf, ist das ein schönes Leben für einen Vogel?
Sollte man dem Leiden ein Ende bereiten? Ich sage: NEIN! Denn auch die "Fußgänger"
genießen ihr Leben und bei guter Haltung leiden sie keineswegs.
Wer sich für die Haltung eines oder mehrerer "Fußgänger"
entscheidet, sollte jedoch einiges beachten. Im Leben eines Wellensittichs
gibt es viele Gefahren, aber im Leben eines flugunfähigen Wellensittichs
kommen noch einige dazu.
"Hexe" kam zusammen mit ihrem Partner "Rudi" 2004 zu
mir. Ihre Vorbesitzerin war mit der Pflege eines "behinderten" Wellensittichs
überfordert und so nahm ich die beiden auf. "Hexe" war von
Geburt an flugunfähig, obwohl verschiedene Untersuchungen stattfanden,
wurde nie ein genauer Grund festgestellt. Außerdem hat sie im linken
Fuß keinen Greifreflex, so dass sie sich nur mit einem Fuß auf
der Stange halten kann. Sie lebte am Anfang mit "Rudi" in einer
Zimmervoliere. Dort hatte sie allerdings immer mal wieder Probleme mit der
Verdauung. Da sie sich mit "Rudi" nicht allzu gut verstand, saß
sie die meiste Zeit nur und bewegte sich wenig.
Durch den Bewegungsmangel neigte sie zur Verstopfung, wodurch auch die Kloake
wund wurde. Auch neigte sie zu Druckstellen an den Füßchen, da
normale Äste auf Dauer zu hart waren. Oft fiel sie einfach von dem Ast,
besonders wenn sie schlief.
Zu hohe Sitzplätze können zu schlimmen Verletzungen führen.
Bei einem Sturz kann der Wellensittich sich nicht durch das Fliegen abfangen,
sondern fällt ungebremst auf den Boden. Brüche, aber auch innere
Verletzungen, nicht selten mit Todesfolge, können dabei entstehen. Äste
oder Sitzstangen alleine reichen nicht aus. Besonders wenn der Wellensittich
schläft, kann er das Gleichgewicht verlieren und abstürzen. Aber
auch zu harte Sitzstangen sind gefährlich.
Bei einer Fußfehlstellung, Bewegungsmangel oder vorhandenen Gleichgewichtsstörungen
können die Wellensittiche nicht abwechselnd nur ein Bein nutzen. Sie
sitzen meist auf beiden Füßen und dadurch können Druckstellen
und Ballengeschwüre entstehen, die nicht nur schmerzhaft sind, sondern
auch zu einer Blutvergiftung führen können. Flugunfähige Wellensittiche
können unter Bewegungsmangel leiden, was zu Verstopfungen und Übergewicht
führen kann.
Normale Trinknäpfe bergen die Gefahr des Ertrinkens, besonders bei Wellensittichen,
dessen Flügel gelähmt sind. Fallen sie mit dem Kopf in das Wasser,
können sie sich nicht alleine befreien.
Eine weitere Gefahr sind andere Wellensittiche. Es kann passieren, dass die
"Flieger" einen "Fußgänger" diskriminieren,
ihn beispielsweise vom Futter verjagen, von Ästen schubsen oder in schlimmen
Fällen sogar attackieren, was den Tod des Sittichs bedeuten kann.
Wenn man sich für die Haltung eines flugunfähigen Wellensittichs
entscheidet, sollte man außerdem bedenken, dass der Betreuungsaufwand
höher ist. Aber trotzdem, mit einigen Vorkehrungen und einer behindertengerechten
Einrichtung kann man sehr viel Spaß mit den "Fußgängern"
haben.
Ich habe dann den Boden mit Heu ausgelegt, damit sie bei einem Sturz weicher
fällt. Verschiedene Äste wurden abgepolstert und deutlich niedriger
in der Voliere verteilt. Mit einer Futterumstellung (keine Knabberstangen
mit Honig und dafür viel Grünfutter) und Bewegungstraining wurde
auch die Verstopfung besser. Sitzbädern in lauwarmem Kamillenwasser halfen
gegen die wunden Stellen. Außerdem habe ich Sitzbretter angebracht,
welche "Hexe" besonders zum Schlafen nutzte.
Aber auch das war auf Dauer nicht die beste Lösung. "Rudi"
und "Hexe" haben sich zwar akzeptiert aber "Rudi" litt
sehr unter der Zurückweisung von "Hexe" und man merkte deutlich,
dass er sich einsam fühlte. Also kaufte ich eine größere Voliere
und ein zusätzliches Pärchen. "Hexe" und der neue Hahn
"Macho" verliebten sich auf den ersten Blick und Rudi hatte nun
mit zwei "Fliegern" endlich jemanden zum Spielen gefunden.
Da die handelsüblichen Zimmervolieren leider nur in der Höhe viel
Platz bieten, gab es dort mit Hexe neue Probleme. Die "Flieger"
saßen viel oben und da wollte sie natürlich dazu gehören.
Sie kletterte dann los, aber stürzte häufig runter. Ich habe dann
in einer Höhe von ca. 20 cm mit Plexiglas eine Vorrichtung angebracht,
damit sie nicht hoch klettern kann aber die Flieger zu ihr runter kommen konnten.
Dann verstarb "Rudi" und der Krieg zwischen den Damen begann. Eine
andere Lösung musste gefunden werden.
Als wichtigstes ist zu beachten, alles muss zu Fuß erreichbar sein.
Zu hohe Sitzplätze sollten vermieden werden, es sollte verhindert werden,
dass der Wellensittich über 25 cm hoch klettern kann. Der Boden sollte
gepolstert sein. Gute Erfahrungen habe ich mit Heu als Einstreu gemacht. Aber
auch eine Polsterung mit Schaumstoff und abwaschbaren Überzug(Achtung:
Er darf keine Fäden ziehen, sonst kann der Wellensittich hängen
bleiben) ist möglich. Außerdem sollten immer mehrere Sitzbretter
vorhanden sein. Gut geeignet sind große Stücke aus Korkrinde, aber
auch gepolsterte Sitzbretter werden gut angenommen. Diese sollten, aus hygienischen
Gründen, regelmäßig ausgetauscht werden. "Dickmacher"
sollten bei der Futtergabe vermieden werden, besonders die beliebten Knabberstangen
mit Honig. Sie machen nicht nur dick, sondern können auch zu Verstopfung
führen. Die Futter-und Trinknäpfe sollten gut erreichbar sein, aber
trotzdem vor hereinfallenden Kot geschützt werden.
Bei einem Flügelgelähmten Wellensittichs empfiehlt es sich, Röhren-Trinkbehälter
zu verwenden, damit er nicht hineinfallen kann. Als Sitzgelegenheit sollten
Naturäste in verschiedenen Stärken angeboten werden.
Wellensittiche, die wegen einer Fußfehlstellung oder Übergewicht
zu Druckstellen an den Füßen neigen kann man abgepolsterte Sitzstangen
anbieten. Dann sind sie weicher und beugen so Druckstellen an den Füßen
vor. Der Ast kann in einem Stück Schaumstoff und waschbaren Überzug
eingeschlagen werden, welches dann an der Unterseite festgenäht wird.
Eine Kontrolle der Füße, um Druckstellen schnell behandeln zu können,
muss regelmäßig stattfinden. Um Übergewicht vorzubeugen, sollt
ein regelmäßiger "Freilauf" stattfinden.
Eine Einzelhaltung halte ich, auch bei Fußgängern, für nicht
akzeptabel.
Wellensittiche müssen in artgleicher Gesellschaft gehalten werden, sonst
vereinsamen sie. Und das gilt auch für die "Fußgänger".
Sollte es mit der Haltung von "Fliegern" und "Fußgängern"
Probleme geben, empfiehlt sich ein eigener Käfig bzw. Voliere, in dem
mindestens zwei "Fußgänger" gehalten werden. Die gezielte
Anschaffung eines "Fußgängers" ist oft über Mitarbeiter
des örtlichen Tierheims möglich, die sich freuen, wenn nicht nur
"Flieger" ein neues Zuhause finden.
Ich träumte von einer Außenvoliere und einem größeren
Schwarm. Aber da gab es viel zu bedenken. Meine größte Angst war,
dass Hexe von den Fliegern diskriminiert würde. Aber auch die behindertengerechte
Einrichtung einer Außenvoliere bereitete anfangs Probleme. Beim Durchstöbern
unterschiedlicher Literatur und Internetseiten fand ich einige Lösungen,
wie den Bau einer Fußgängerrampe oder Hinweise zur Seilverarbeitung.
Da ich die Wellensittiche weiterhin von innen sehen wollte wurde der Balkon,
vor meinem Büro, als Standort ausgewählt. Die ganze Fläche
von 3,80 m Länge und 1 m Tiefe sollte ausgenutzt werden. Da ich nicht
mitten im Fenster das Dach der Voliere anbringen konnte und die Voliere ja
auch betretbar sein sollte, wurde eine Höhe von 2,50 m gewählt.

Das Grundgestell wurde aus Holzlatten und Vogeldraht schnell gebaut und
aufgestellt. Soweit eine normale Voliere. Das Dach wurde aus hellem Wellblech
gebaut. Ein Schutzraum musste natürlich auch vorhanden sein. Dieser wurde
mit Sonnenundurchlässigen Wellblech abgedeckt. In diesem Schutzraum sollte,
gut erreichbar und hell, der neue Lebensraum für Hexe entstehen. Eine
Plattform von ca. 1 m² wurde in 1 m Höhe angebracht. Von zwei Seiten
wurden anstatt Vogeldraht helle Holzplatten verwendet, damit eine Windgeschütze
Ecke zur Verfügung steht. Die dritte Seite an der Hausmauer wurde mit
Vogeldraht verkleidet. Dort wurde aber von der Plattform aus in einer Höhe
von ca. 25 cm eine Leiste angebracht, damit "Hexe" nicht zu hoch
klettern kann. Die vierte Seite ist mit einer ausgeschnittenen Holzplatte
verkleidet. Hinter einer 30 cm breiten Holzplatte ist "Hexes" Käfig
vor Zugluft geschützt. Damit sie nicht von der Plattform stürzen
kann wurde ein 25 cm hoher Streifen mit Holz gesichert. Ansonsten ist diese
Seite komplett frei.
Auf der Plattform wurde nun auf die behindertengerechte Einrichtung geachtet.
Ein kleiner Käfig steht dort, der aber immer offen ist. Hexe sitzt aber
selten innen, meistens sitzt sie auf dem Dach des Käfigs. Alles ist über
Leitern und durch Äste in verschiedenen Höhen erreichbar. Als Sitzbretter
verwende ich entweder Korkrinde oder abgepolsterte Bretter( diese nur wenn
sich Druckstellen ankündigen).Der Boden vor dem Käfig ist mit Heu
gepolstert. Futter-und Trinknäpfe sind gut erreichbar und überdacht,
damit von den Fliegern kein Kot hereinfällt. Nach jeder Reinigung des
Bodens stelle ich immer ein bisschen um, damit es nicht zu einfach und langweilig
für Hexe wird. Ab und zu wird sie unter Aufsicht auf den Boden der Voliere
gelassen, damit sie ausreichend Bewegung hat.

Mittlerweile leben fünf Wellensittiche in der Voliere, aber ein Hahn
soll noch dazu kommen. Die " Flieger" besuchen "Hexe"
häufig und umsorgen sie. "Hexe" ist nun sieben Jahre alt und
wirklich sehr fit.
Mit der behindertengerechten Einrichtung sind die Probleme verschwunden und
sie genießt ihr Leben in vollen Zügen. Leider wird sie von beiden
Hähnen sehr verwöhnt, was sie ein bisschen faul werden lässt.
Es ist ja so viel schöner wenn ein hübscher Hahn das Futter bringt,
anstatt selbst zu laufen.
Für die kalten Tage ist nun der Bau einer Innenvoliere geplant. Auch
diese soll wieder behindertengerecht eingerichtet werden.
DKe