Körpergewicht von Wellensittichen und Möglichkeiten zum Wiegen

Immer wieder kommt es vor, dass wir gefragt werden, wie genau das Gewicht eines Wellensittichs ermittelt werden kann, anhand welcher Kriterien der Ernährungszustand am besten bemessen werden sollte und wie schwer ein Wellensittich entsprechend seiner Zuchtform sein darf. Doch weshalb stellt sich vielen Haltern diese Frage überhaupt? Die Frage lässt sich recht leicht beantworten. Im Gegensatz zu Wildtieren neigen die meisten Haustiere zu Übergewicht, so auch der Wellensittich. Das Gewicht kann ein Indikator für das Wohlergehen des Vogels sein, sagt aber je nach Proportion des Wellensittichs ohne die Kenntnis über die Gesamtstatur wenig aus. Wichtig ist deshalb gleich zu Beginn, dass das Gewicht selten als alleiniger Maßstab für den Ernährungszustand eines Vogels und dessen Beurteilung heran gezogen werden kann. Dies ist nur unter gewissen Voraussetzungen möglich, auf die wir zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlicher eingehen werden.

Wieso aber ist es so wichtig den Ernährungszustand seines Wellensittichs zu kennen und zu beobachten?

Wie schon erwähnt neigen besonders die domestizierten Vogelarten wie Wellensittiche zu Übergewicht. Um Folgeerkrankungen wie Lipome oder auch weniger schwerwiegende erste Anzeichen für Übergewicht wie Druckstellen aus denen Ballengeschwüre werden können zu vermeiden, empfiehlt es sich daher das Gewicht eines Vogels von Anfang an zu kennen, es mit der Körperproportion ins Verhältnis zu setzen und so später eine Tendenz schnell erkennen zu können. Nur so kann zeitnah und effektiv reagiert werden. Auch Untergewicht kann ein bedeutsames Anzeichen für evtl. versteckte Erkrankungen sein und bedarf der Beobachtung durch den Vogelhalter. Auf weitere Ursachen gehen wir noch detaillierter ein. Über- sowie Untergewicht sind meist pathologischen (krankhaften) Ursprungs oder werden zu einem Faktor der Folgeerkrankungen hervorruft oder begünstigt. Die bereits erwähnten Lipome, Druck- oder Ballengeschwüre wie auch eine Verfettung der Leber (steatosis hepatis) mit folgender eingeschränkter Funktion des Organs und Beschwerden des Vogels kann eine mögliche Erscheinung sein, die durch Übergewicht oder massiv ausgeprägte Fehlernährung zu Stande kommt. Gewichtsabnahme mit folgendem Untergewicht kann Zeichen einer erschwerten Mauserphase oder aber von Grunderkrankungen sein, die im Verdauungstrakt des Vogels ihre Ursache haben. Tumoröse Geschehen sind nicht selten ebenfalls für Gewichtsschwankungen in beide Richtungen verantwortlich. Deshalb ist es für einen verantwortungsvollen Vogelbesitzer wichtig, das Gewicht seines Haustieres zu bestimmen und bei Abweichungen vom Normalgewicht entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

dicker und dünner Wellensittich im Vergleich

Doch wie schwer darf der Wellensittich überhaupt sein?

Zu Recht stellt sich angesichts der Zuchtform die Frage, wie schwer ein Wellensittich im Optimalfall sein darf. Von sehr zierlichen Wellensittichen der Zuchtform Hansibubi angefangen, über Halbstandard, Standard und Schauwelli gibt es Wellensittiche in nahezu allen Gewichtsklassen von etwa 32 bis 60 Gramm. Deshalb lässt sich rasch erahnen, dass das Gewicht alleine, nie ein zuverlässiger und aussagekräftiger Messwert sein kann, um den wahren Ernährungszustand eines Vogels zu bestimmen. Pauschal lässt sich also vorerst keine Antwort finden. Wie es jedoch möglich ist trotzdem ein relativ genaues Bild davon zu bekommen, ob sich der eigene Vogel im Normalbereich seiner Gewichtsklasse befindet, das zeigen wir auf.

Zunächst ist es wichtig, die genaue verschiedenen Zuchtformen eines Vogels zu bestimmen. Während es noch vor Jahren möglich war relativ sicher einen Vogel zu erhalten, der einer reinen Zuchtform zuzuordnen war, kommt es heute immer häufiger dazu, dass durch Laienzuchten auch sogenannte Mischformen bei Wellensittichen auftreten. Das heißt, es kann geschehen, dass ein Wellensittich nicht mehr eindeutig einer gewissen Zuchtform zusortiert werden kann, da entscheidende Merkmale fehlen. Hier hilft dann nur die Gesamtproportion der Zuchtform zuzuordnen, auf die die meisten Kriterien zutreffen. Ist ein Halbstandard besonders klein, wird es wenig hilfreich sein ihn bzgl. der Gewichtszuordnung zu selbiger Zuchtform zu zählen. Er ist demnach an der oberen Gewichtsgrenze eines Hansibubis und an unterster Schwelle des Halbstandards einzuordnen. Umfassend lässt sich sagen, dass es sich allgemein bei Hansibubis um sehr kleine und zierlichere Wellensittiche handelt, die am ehesten der ursprünglichen Wildform ähneln, was Körperbau und Gewicht angeht. Halbstandards stellen eine Mischform zwischen den größeren Standards und den kleinen Hansibubis dar. Als Maximum der Zuchtformen gibt es jedoch noch die besonders groß gezüchteten Schauwellis, die selbst einen Standard noch einmal um einiges an Gramm übertreffen können und deutlich stämmiger und bulliger sind, was das Aussehen angeht.

Wir haben hier einen wirklich nur sehr groben Anhaltspunkt eines Gewichtsschemas versucht. Zu beachten ist jedoch, dass anhand des Gewichtes alleine, kein Über- oder Untergewicht festgestellt werden kann, sondern bei jedem Vogel individuell ermittelt werden muss, ob sein Gewicht der Proportion angepasst ist.

Hansibubi: 32 - 40 Gramm
Halbstandard: 40 - 45 Gramm
Standard: 45 - 55 Gramm
Schauwelli: 55 - 65 Gramm

Wellensittich wiegen

Wir betonen nochmals, dass dies hier grob annähernde Werte sind, die immer mit der Gesamtproportion eines Wellensittichs in Relation gesetzt werden müssen. Doch wie setze ich die nötige Relation fest oder gewinne eine Einschätzung über den tatsächlichen Ernährungszustand des Wellensittichs? Erfahrene Vogelhalter erkennen oft bereits auf den ersten Blick, ob ein Vogel eher über- oder untergewichtig ist. Anhand des Brustbeinkamms lässt sich der wirkliche Ernährungszustand eines Vogels rasch und sicher feststellen. Auch der vogelkundige Tierarzt (vkTa) verschafft sich auf diese Weise einen Eindruck über den Zustand eines Vogels im Bezug auf eine verhältnissmäßige Ernährung. Dazu fasst man den Vogel vorsichtig mit der Hand und fixiert ihn, damit er nicht entfliegen kann. Mit dem Finger tastet man nun vorsichtig unterhalb des Kropfes das Brustbein. Ist der Ernährungszustand optimal, so fühlt man den knöchernen Brustbeinkamm, der von Gewebe sanft umgeben und leicht überlagert ist. Sticht das Brustbein scharf bzw. spitz hervor, liegen eindeutige Anzeichen für eine Unterernährung und somit Untergewicht vor. Tastet man hingegen außer Gewebe nichts und kann durch Tasten das Brustbein nicht erfühlen, so ist es zu stark von Gewebe überlagert und Übergewicht liegt vor. Achtung ist geboten bei dieser Methode, wenn Vögel an entsprechender Stelle ein Lipom aufweisen. Hier ist es für den Laien oftmals schwer eine sichere Einschätzung zu treffen. Eine Beratung und Anleitung durch den vkTa wäre hier zu empfehlen, damit sich Sicherheit einstellt und in Zukunft der Ernährungszustand sicher selbst bestimmt werden kann. Setzt man nun die beiden Methoden gemeinsam um, dann kann man sich einen sehr aussagekräftigen und sicheren Überblick über die Ernährungssituation eines Wellensittichs verschaffen. Deshalb unsere Empfehlung: Gewicht und Tastbefund mit Datum und Name des Vogels, evtl. Notizen über aktuelles Fressverhalten in einem Heft dokumentieren. Geschieht diese Dokumentation von Anfang an in regelmäßigen Abständen von etwa 4 Wochen bei einem gesunden Vogel, dann lässt sich schnell, sicher und langfristig nachvollziehen, wie sich die Gewichtsentwicklung gestaltet. Schwankungen werden rasch erkannt und bei Auffälligkeiten kann ggf. häufiger nachgewogen werden, um eine Kontrolle zu haben. Gerade bei Wellensittichen mit vorliegenden Grunderkrankungen wie Megabakteriose, ähnlichem oder auch Vögeln mit Lipomen sollte eine engmaschigere Kontrolle erfolgen. Auch bei Futterumstellung mit verändertem Saatenverhältnis oder einer Reduktion der Gesamtfuttermenge hilft die Überwachung des Gewichts häufig weiter und gibt Anhaltspunkte darüber, ob etwas verändert werden muss.

Was passiert, wenn Gewicht und Zuchtform so gar nicht zueinander passen?

Was ist zu tun, wenn ein Wellensittich so ganz aus dem Rahmen fällt? Genau für solche Fälle empfiehlt sich der Tastbefund als bessere Messlatte. Während ein sehr zierlicher Hansibubi durchaus auch bei normalem Tastbefund bei 31 Gramm liegen kann, kann auch ein besonders großer Halbstandard bei gut spürbarem Brustbein im Gewichtsbereich eines Standardwellensittichs liegen. Entscheidender Indikator sollte nie das Gewicht, sondern immer nur der Tastbefund sein. Weiß man nach einiger Zeit, dass der spezielle Vogel immer an der unteren oder oberen Grenze ist, obwohl der Tastbefund völlig in Ordnung ist, dann wird einem dies nicht weiter beunruhigen. Nur wenn ein Wellensittich plötzlich oder schleichend die Grenzen maßgeblich über- bzw. unterschreitet, die er bisher konstanter hielt, dann sollte ein vkTa zu Rate gezogen und entsprechende Diagnostik eingeleitet werden. Auch bei Unsicherheiten gilt - lieber ein Tierarztbesuch oder Anruf in der Praxis mehr, als zu wenig. Wie schon angedeutet ist statt der direkten, festen Angabe der Grammzahl, die Entwicklung des Gewichts von besonderer Wichtigkeit und Bedeutung. Nimmt ein Wellensittich kontinuierlich ab, so ist das ein ernst zunehmendes Warnsignal. Die Ursache des Gewichtsverlustes muss von einem vogelkundigen Tierarzt ergründet werden, da Wellensittiche so rasch abbauen können, dass ein verzögertes Handeln unter Umständen den Tod bedeuten kann. Um solch lebensbedrohliche Zuständen vorzubeugen, ist die regelmäßige Gewichtskontrolle besonders bei chronisch kranken Vögeln zentral. So kann z.B. ein Gewichtsverlust bei einem mit Megabakterien infizierten Vogel den nächsten Schub der Krankheit ankündigen. Aber auch bei übergewichtigen Vögeln, die unter Umständen eine Diät machen müssen, ist die regelmäßige Gewichtskontrolle empfehlenswert.

Gibt es beim Wiegen eines Wellensittiches etwas besonders zu beachten?

Wichtig zu erwähnen ist, dass ein Vogel immer zur etwa selben Uhrzeit gewogen werden sollte. Der aufmerksame Wellensittichhalter mag schon beobachtet haben, dass Wellensittiche über die Nacht sehr viel koten. Am frühen Morgen befinden sich zahlreiche Kotballen unter dem Schlafplatz der einzelnen Vögel, weshalb Wellensittiche in der Früh tendenziell weniger wiegen als am Abend. Auch nach dem Fressen sind Wellensittiche sinnhafter Weise schwerer als vor der Nahrungsaufnahme. Diese Faktoren gilt es zu beachten um ein möglichst verhältnismäßiges Wiegeergebnis zu erhalten.

Kann ich meinen Wellensittich mit jeder Waage wiegen?

Hier ein klares Nein. Zunächst sollte es immer die gleiche Waage sein, mit der gewogen wird. Außerdem ist auch der gleiche Standort zu empfehlen, da schon geringe Unebenheiten bei manchen Waagen zu unergründlichen Gewichtsverschiebungen führen, die hier das Ergebnis verfälschen könnten. Die meisten modernen Waagen haben jedoch eine Eichtaste oder auch Kalibrierungstaste genannt, die für zusätzliche Sicherheit sorgt und Messfehler verhindert. Bei der Auswahl der Waage ist zu beachten, dass es auf Präzision ankommt. Viele günstige Waagen (schon ab 10 Euro erhältlich) können auf 1 Gramm genau Gewichte anzeigen. Manche Tierärzte empfehlen jedoch bei kranken Vögeln die Verwendung einer Goldwaage, die noch präziser ist, aber auch preislich in einem anderen Segment angeordnet ist. Wer ein möglichst präzises Ergebnis wünscht, dem sollte es diese langhaltende Anschaffung jedoch wert sein.

Aber wie lässt sich ein schreckhafter Wellensittich möglichst stressfrei und schnell wiegen?

Das für einen Tastbefund der Vogel eingefangen werden muss ist sicher klar. Wie kann aber ein Wellensittich gewogen werden? Dazu haben wir eine kleine Übersicht gestaltet, die Beispiele gibt. Ganz individuell kann nun geschaut werden, welche Wiegemethode sich am besten für die eigenen Wellensittiche eignet.

Transportbox-Methode

Bei dieser Methode bedient sich der Vogelhalter einer Transportbox oder eines kleinen Krankenkäfigs. Diese(r) wird vorher abgewogen und das Leergewicht wird notiert. Dies ist für die spätere Berechnung des Körpergewichts wichtig. Nun wird der Wellensittich in die Transportbox/Krankenkäfig gesetzt und selbiges gemeinsam gewogen. Nun einfach das vorher ermittelte Leergewicht vom Gesamtgewicht abziehen. Die Differenz ergibt das Gewicht des Wellensittichs. Die Tarier-Funktion (Tara-Taste), mit der man die Waage auf Null setzt, nachdem man den Käfig gewogen hat, kann den Wiegevorgang erleichtern. So ist ein Ausrechnen nicht mehr nötig, sondern die Differenz wird sofort angezeigt.

Kolbenhirse-Methode

So mancher Wellensittich reagiert auf Einfangen nicht sonderlich gut. Besonders scheue Wellensittiche leiden doppelt unter dem Gehalten werden und explizit dann, wenn häufigere Kontrollen erforderlich sind, sollte evtl. eine andere Variante für das Wiegen gefunden werden. Wie zum Beispiel die Kolbenhirse-Methode. Auf der Waage wird die für Wellensittiche heiß begehrte Kolbenhirse positioniert. Dadurch kommen besonders die Feinschmeckerschnäbel gern auch freiwillig auf die Waage. Die Methode ist stressarm für den Vogel, erfordert jedoch sehr viel Zeit und Geduld für den Halter selbst. So mancher hat nach Stunden des Wartens schon die Wiegemethode gewechselt. Besonders wenn die Variante zum ersten Mal ausprobiert wird, lassen sich Sonderexemplare nicht mal durch die Kolbenhirse locken. Wenn sich der Wellensittich jedoch an die Waage gewöhnt hat, kann man ihn regelmäßig schneller und stressfreier wiegen. Auch bei dieser Methode ist es vorher notwendig, die aufgelegte Kolbenhirse zu wiegen und am Ende abzuziehen.

Kolbenhirse auf Kuechenwaage

Wellimodifizierte Waage

Wer eine weitere Variante sucht, der kann auf die sogenannte Wellimodifizierte Waage umsteigen. Bei dieser Methode bastelt der Wellensittichbesitzer ein Gestell aus Ästen und/oder Stangen auf die Waage. Auch eine Schale mit Wühlinhalt eignet sich hervorragend dazu. Dadurch erscheint das Wiegen für den Wellensittich nichts Besonderes und Beängstigendes zu sein, da die Äste und Stangen zu seinem „normalen“ Umfeld gehören. Diese sind ihm wohl bekannt. Mit Hilfe von Kolbenhirse und anderen Leckerlis kann das Gestell für den Vogel attraktiv gestaltet werden. Wie bei den vorausgegangenen Methoden ist auch hier alles aufgelegte Beiwerk abzuwiegen und das Endgewicht zu errechnen.

Alles in allem haben wir nun hoffentlich einen aufschlussreichen Artikel zur Ermittlung des Ernährungszustandes gegeben, der verbunden ist mit einer Übersicht der groben Gewichtsgrenzen. Wir wünschen allen Wellensittichen eine angepasste Ernährung bei maximal 10 g Körnerfutter am Tag pro Vogel, und ausgeglichenem Futterangebot sowie Bewegung beim Freiflug. Dann klappt es sicher auch mit dem optimalen Ernährungszustand und einem dauerhaft gesünderen Wellensittich.

 

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Ive84

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