Gekämpft und doch verloren: Bayda, ein Glückskind auf Zeit

Die Sommerferien begannen einige Tage später, deshalb wurden zwei Wellensittiche ins Tierheim meines Wohnortes gebracht. "Der eine ist doof, der ist nicht zahm. Und der andere ist krank, der stirbt sowieso bald. Außerdem wollen wir in Urlaub fahren." - Mit diesem Wortlaut wurden die beiden Wellensittiche abgeschoben, ohne Wenn und Aber.

Dem zartgelben, scheuen Vogel ging es gut, der weiße war leider tatsächlich schwer krank. An seiner Bürzeldrüse wucherte eine haselnussgroße Geschwulst, am Flügel eine erbsengroße, und außerdem war seine Stirn enorm geschwollen. Weil der "dicke Kopf" den Vogel nicht weiter zu stören schien, richtete die Tierheim-Tierärztin ihr Augenmerk auf die beiden anderen Wucherungen und nahm sich vor, sie operativ zu entfernen.

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Drei Tage später war es so weit. Am sehr frühen Montagmorgen entschied sich die Ärztin für den Eingriff. Sie legte ihn bewusst auf die kühlen Tagesstunden, denn es herrschte eine Hitzeperiode. Einen Vogel bei Mittagstemperaturen von über 30°C zu operieren, hielt die Ärztin für erheblich zu risikoreich.

Nur wenige Minuten dauerte der Eingriff und der Vogel erwachte aus seiner Narkose. In den folgenden Stunden wurde er aber nicht munterer, ganz im Gegenteil. Je wärmer es wurde, desto mehr baute das Tier ab und es verweigerte die Nahrungsaufnahme. Weil es am Nachmittag furchtbar schlecht um den Vogel stand, kontaktierte mich eine Mitarbeiterin des Tierheims und bat mich um Hilfe, wie es schon oft in ähnlichen Fällen vorgekommen war. Ich nehme schwerkranke Vögel in meine Obhut und päpple sie auf, bis sie fit für die Vermittlung sind.

So geschah es, dass ich an diesem Tag darum gebeten wurde, die frisch operierte und völlig entkräftete weiße Vogeldame vorübergehend zu mir zu nehmen und gesund zu pflegen. Natürlich sagte ich nicht nein und zwei Stunden später blickte ich zum ersten Mal in ihre Augen. Ihr Blick wird mich ein Leben lang nicht mehr loslassen. Sie saß vor mir, konnte den Kopf kaum heben und sah mich voller Schmerz und Resignation an.

Ihre Augen waren violett, so etwas hatte ich bei einem Wellensittich noch nie zuvor gesehen. Schöne Augen hatte sie, aber auch traurige Augen. Um mich nicht von ihrer Angst und ihrem Schmerz mitreißen zu lassen, musste ich mich abwenden und auf das konzentrieren, was vor uns lag: Die Zwangsfütterung, denn der Vogel wollte nach wie vor keine Nahrung zu sich nehmen.

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Dreimal hatte ich sie inzwischen per Kropfsonde mit gehaltvollem Brei gefüttert, als sie endlich zu Kräften kam und an meinem Arm empor kletterte, um sich an meinen Hals zu schmiegen. Ich war wie versteinert. Da saß ein völlig fremder Vogel auf meiner Schulter, der sich in allergrößtem Vertrauen an mich drückte, der Nähe und Körperkontakt suchte. Genau dieser Vogel war nur wenige Tage zuvor von seinen Vorbesitzern wie ein Stück Zivilisationsmüll im Tierheim achtlos zurückgelassen worden, weil der Familien-Sommerurlaub kurz bevor stand. Während ich darüber nachgrübelte, wie man so unendlich herzlos sein kann, schmiegte sich der Sittich nach wie vor an meinen Hals und knirschte dabei mit dem Schnabel.

Voller Mitleid sah ich dem von der Operation geschundenen weißen Federbündel kurz darauf dabei zu, wie es sich an seiner Schlafschaukel festklammerte und sein Gefieder für die Nachtruhe sortierte. Das tapfere, liebenswürdige Vögelchen hatte sich innerhalb weniger Stunden in mein Herz geschlichen und mit jedem weiteren Tag, den ich mich um seine Genesung bemühte, wuchs in mir der Wunsch, das Tier zu adoptieren.

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Fünf Tage nach der Operation war der Vogel munter, hatte einen gesegneten Appetit und die Nachuntersuchung brachte keine bösen Überraschungen. Weil ich nicht trennen wollte, was zusammengehörte, holte ich die zartgelbe Freundin meiner kleinen Patientin aus dem Tierheim und adoptierte kurzerhand beide Vögel.

Neue Namen mussten her als Symbole für den Neuanfang. Aufgrund ihres weißen Gefieders erhielt meine pflaumenäugige Schönheit den Namen Bayda, was Arabisch ist und "weiße Frau" bedeutet. Ihre pummelige und geradezu hinreißend niedliche Freundin nannte ich Fralie.

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Einige Monate waren vergangen und meine beiden Grazien hatten sich bestens eingelebt. Es war eine Wonne, der charmanten Bayda dabei zuzuschauen, wie sie mit Nik und den anderen Männchen aus meinem Vogelschwarm flirtete. Fralie war schüchtern geblieben, sie beguckte Baydas Liebesleben aus der Ferne und hielt sich lieber bei den anderen Weibchen auf.

Mir kam es so vor, als würde Bayda auf der Überholspur leben und mit den Männchen all das nachholen, was sie in ihrem früheren Zuhause vermutlich nie erleben durfte. Mir gegenüber verhielt sie sich ausgesprochen anhänglich und sie liebte es, in mühevoller Kleinarbeit mein Haar Strähne für Strähne aus dem Zopfgummi zu zerren. Dabei ächzte sie vor lauter Anstrengung, aber sie gab sich erst zufrieden, wenn meine Frisur vollends durcheinander geraten war.

* * *

Ich steckte mitten in den Vorbereitungen meines Umzugs, als ich eines Tages sah, dass Baydas Flügel eine Verdickung aufwies. "Das schaut nach einem kleinen Tumor oder einem Abszess aus", sagte mein Tierarzt. "Wir werden sie operieren müssen." - Gesagt, getan. Innerhalb weniger Monate wurde Bayda zum zweiten Mal operiert.

Mit ihrem bandagierten Flügel saß sie anschließend zwischen ihren Schwarmgefährten und nahm die Situation mit größter Gelassenheit hin. Hauptsache, sie durfte bei ihren Freunden sein, der Rest schien ihr egal zu sein. Glücklicherweise musste ich sie unmittelbar nach der Operation nicht wieder zwangsernähren, sie fraß von allein genug.

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Der Umzug war überstanden und Baydas Flügelwunde war ohne Komplikationen verheilt. Sie konnte gut fliegen, erkundete mit ihren Freunden das neue Vogelzimmer und ich beobachtete sie immer öfter dabei, wie sie sich mit Nik oder Speedy paarte. Eine Kostverächterin war sie jedenfalls nicht, denn sie hatte sich gleich zwei der schönsten Hähne "unter die Kralle" gerissen. Sogar Fralie war inzwischen aufgetaut und umwarb zaghaft eines der Männchen.

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Zunächst wusste ich nicht, was ich davon halten sollte, als Bayda eines Morgens im Oktober nicht so recht von ihrer Schlafschaukel klettern wollte. Mürrisch wirkte sie und irgendwie morgenmuffelig. Also völlig anders, als ich sie bisher kennen gelernt hatte. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht, das wurde spätestens in dem Moment klar, als sie sich auf dem Käfigdach hinlegte und in ihrem apathischen Zustand schwer atmete.

Auf dem schnellsten Wege brachte ich sie zum vogelkundigen Tierarzt, der sie untersuchte und mir sagte, dass die bis dahin für harmlos gehaltene Beule an Baydas Stirn ein Abszess sei und dass es den Vogel in Kürze umzubringen drohte. Wie es schien, hatte sich Eiter in den Blutkreislauf ergossen. Bayda würde an einer Blutvergiftung sterben, wenn sie nicht bald operiert werden würde. Die Überlebenschancen standen leider denkbar schlecht, weil ihr Organismus bereits enorm angeschlagen war.

"Wenn wir nichts tun, stirbt sie unter Qualen. Wenn ich bei der Operation feststelle, dass man ihr nicht helfen kann, dann erhöhe ich die Dosis des Narkosemittels und schläfere sie ein. Sie merkt es nicht und hat keine Schmerzen." Diese Worte des Tierarztes klangen sehr vernünftig und ich willigte ein. Bayda in seiner Praxis zu lassen, damit sie am nächsten Morgen operiert werden könnte, fiel mir dennoch schwer, weil ich befürchtete, sie nie mehr wieder zu sehen.

Umso größer war meine Freude, als mich der Arzt am nächsten Tag anrief und mir mitteilte, Bayda habe den Eingriff trotz des enorm großen Blutverlustes überlebt. Zu allem Übel war auch am Bürzel schon wieder eine Wucherung entstanden, die der Arzt bei der Gelegenheit vollständig entfernt hatte. Bei der vorangegangenen Operation waren offenbar Reste eines Tumors im Gewebe verblieben. Das sollte nun nicht mehr der Fall sein.

"Ich hätte nie gedacht, dass sie das überleben würde. Eine richtige Kämpferin ist die Kleine! Ein richtig tolles Mädel!" Ja, das war sie, und dass auch der Tierarzt dieser Meinung war, machte mich unendlich stolz darauf, einen so bemerkenswerten Vogel mein Eigen nennen zu dürfen. Und einen so "teuren" Vogel, denn Bayda hatte mich in den vergangenen Monaten mehrere hundert Euro gekostet. Aber obwohl ich nicht im Geld schwamm, war es mir egal, denn sie hatte diese Chance auf eine vollständige Genesung verdient und ihr Leben war mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen.

* * *

Kurz nach der Operation flog Bayda munter durchs Vogelzimmer. Ihre riesige Kopfwunde sah erschreckend aus, der Schnitt war leuchtend rot und blutverkrustet, aber meine Vogeldame schien sich nicht weiter daran zu stören. Intensiver denn je flirtete sie mit Speedy und Nik, auch Bubi machte sie schöne Augen. Sie ließ wirklich nichts anbrennen und ich amüsierte mich köstlich darüber, wie sie meinen Vogelschwarm mit ihrem weiblichen Charme gehörig aufmischte.

Einige Wochen später war ihr nicht mehr anzusehen, dass sie drei Operationen in weniger als einem halben Jahr hinter sich hatte bringen müssen. Ihr Kopf war endlich normal geformt, nachdem ihr Abszess ausgeräumt und weg geschnitten worden war. Die Mauser brachte ein strahlend weißes Federkleid; die alten, vom Blut rotbraun verfärbten Federn gehörten der Vergangenheit an.

Alles schien perfekt zu sein und Bayda erstrahlte in voller Schönheit, als das Schicksal erbarmungslos zuschlug. Meine Vogeldame rührte sich kaum noch und schien schreckliche Schmerzen zu haben. Der Tierarzt untersuchte sie gründlich und war angesichts dessen, was die Röntgenaufnahme offenbarte, nicht erfreut. Bayda litt an einer hormonell bedingten, seltenen Knochenkrankheit namens polyostotische Hyperosterose. Hinter diesem komplizierten Namen verbirgt sich etwas Schreckliches: Die Knochen werden härter und härter, sie verkalken und es bilden sich kleine Sporne. Auch die Gelenke verkalken und werden arthritisch, was starke Schmerzen zur Folge hat.

"Es gibt eine Therapiemöglichkeit, wir können sie eine Weile mit Schmerzmitteln und mit Hormonen behandeln, um die Knochen wieder aufzuweichen. Die kleine Maus ist so eine Kämpferin, dass wir ihr diese Chance geben sollten", sagte mein Tierarzt. Ja, das sollten wir, entschied ich, und deshalb begann er die Therapie, die zunächst anzuschlagen schien und aus Bayda zumindest vorübergehend wieder einen fröhlichen Vogel werden ließ - bis das Schicksal zum finalen Schlag ausholte...

* * *

Der Januarmorgen war trüb und grau und die Vögel wollten alle nicht so recht wach werden. Bayda war extrem mürrisch, nein, geradezu aggressiv, als ich versuchte, sie wie üblich von ihrer Schlafschaukel zu holen. Anstatt wie jeden Morgen auf meine Hand zu steigen und sich an ihren Lieblingsplatz tragen zu lassen, biss sie mir so heftig in den Finger, dass ich zwei kleine Wunden davontrug. Was war los mit meiner sonst so freundlichen Bayda? Warum war sie plötzlich bissig?

Mir schwante Böses. Ich betrachtete sie genauer und sah, dass sich über Nacht an ihrem Bauch eine gigantische Beule gebildet hatte. Sie lag mehr auf der Schaukel, als dass sie saß. Ihre schmerzhaften Bisse ignorierend, nahm ich sie aus dem Käfig und schaute den Bauch genauer an. Das sah nicht gut aus und mir war klar, was auf uns zukommen würde. Einige Stunden später bestätigte der Tierarzt meinen Verdacht: Baydas Bauchdecke war gerissen, vermutlich war das Bindegewebe durch die Hormongabe zu schwach geworden.

Theoretisch wäre es möglich gewesen, den Bauchdeckenbruch zu operieren, aber Baydas Körper war zu stark vorgeschädigt, als dass ein solcher Eingriff bei ihr überhaupt noch sinnvoll und vor allem moralisch vertretbar gewesen wäre. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als sie in Frieden gehen zu lassen. Das war ich meiner kleinen Freundin schuldig, so schwer mir dieser Schritt auch fiel.

Den Einstich der Spritze spürte sie kaum. Danach lag sie entspannt in meiner Hand und ihre Augenlider wurden zusehends schwerer. Ich kraulte ihr Köpfchen, was sie sehr genoss, bis sie wenige Sekunden später in den gnädigen, nie mehr endenden Schlaf hinübergedämmert war. Ich spürte es deutlich, als ihr Herzschlag einem Nichts wich und ihre sterblichen Überreste unbeseelt in meiner Hand zurückblieben.

Zwar hatten wir den Kampf um ihr Leben verloren, aber für mich stand fest, dass der Weg für uns immer das eigentliche Ziel gewesen ist. Sie hatte in meinem Vogelschwarm einige schöne Monate erlebt, eine tolle Zeit, wie ich glaube. Sonst hätte sie sich nicht so sehr ins Zeugs gelegt und die Herren um den Finger gewickelt. Ich bin froh, dass ich ihr diese Zeit habe schenken können, zumal sie mich in diesen Monaten durch ihre liebenswürdige Art und ihre Zutraulichkeit ebenfalls sehr reich beschenkt hat. Danke für alles, liebe Bayda!

 

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