Smokey Warum ein Wellensittich nie die Hoffnung aufgeben sollte

Meine Geschichte begann in einem Frühjahr. Ich war gerade ein stattlicher kleiner Vogelmann geworden, als ich mit einer Freundin zu zwei mir unbekannten Menschen zog.

Jamy und ich – mein Name wurde zu diesem Zeitpunkt Smokey- zogen in einen kleinen, liebevoll eingerichteten Käfig.

Aus dem Nebenzimmer konnte ich die Stimmen weiterer Artgenossen hören- fremde Stimmen, aber doch sehr vertraut. Wir riefen uns, so dass Jamy und ich sehr neugierig wurden auf das, was vor uns lag.

In dem kleinen Käfig war es arg langweilig, darum vertrieben wir uns die Zeit mit spielen und singen. Die Menschen beobachteten uns dabei ständig, was uns natürlich noch anspornte.

Ich hatte das Gefühl, es würden tolle Dinge geschehen.

Einen Tag später- es war am frühen Abend- geschah etwas merkwürdiges mit mir. Mein Fuß wollte mir nicht mehr gehorchen. "Hey",sagte Jamy, "was hampelst du denn so rum?" Ich wusste es nicht- ich spürte gar nichts. Den Menschen fiel mein Verhalten sofort auf. Ich hörte Worte, die ich nicht verstand. "Verletzt", "Zerrung"...Nein, mir tat nichts weh, doch wie sollte ich den beiden das mitteilen.

Es dauerte nicht sehr lang, da konnte ich mich nicht mehr auf der Stange halten. Ich fiel einfach so runter. Das Gefühl in meinen Beinen war...es war verschwunden. Traurig und entsetzt blickte ich vom Boden auf und starrte in drei sehr erschrockene Gesichter. Die beiden Menschen und Jamy verstanden nicht, was grad passiert war. Wie auch- ich verstand es doch selbst nicht.

Wie das so ist, wenn kleine Vögel krank werden: Es war Wochenende. Die Menschen telefonierten den ganzen Abend, bis sie mit mir in eine Klinik fuhren. Die Ärztin war sehr nett und freundlich, doch leider konnte sie mir auch nicht helfen. Sie hatte leider nicht viel Ahnung von Wellis. Sie piekste mich leicht in meine Füßchen- zumindest glaube ich das, denn die Nadel sah spitz aus, aber ich bemerkte nichts.

Mittlerweile hatte ich es mir im Futternapf bequem gemacht. Bäuchlings beobachtete ich, was um mich herum passierte. Die Ärztin nahm Proben und dann...Dann fuhren wir wieder nach Hause.

Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Die Menschen und das Telefon waren eng verbunden, aber es nahm wohl niemand ab. Erst gegen Nachmittag hatten sie die rettende Idee und erreichten eine vogelkundige Tierärztin per Handy. Diese riet ihnen sofort Calcium zu besorgen, dies schon mal zu geben und am Montag in die Praxis zu kommen.

So geschah es. Der Käfig mit meiner kleinen Freundin und mir wurde gepackt und wieder fuhren wir durch die Gegend. Jamy war sehr traurig und extrem verwirrt. Ich glaube, sie nahm es mehr mit als mich. Sie saß ständig bei mir am Futternapf und kraulte tapfer mein Köpfchen.

Bei der Ärztin mussten wir allerlei Untersuchungen über uns ergehen lassen. Ich wurde sogar geröntgt und dachte nur: "Na, jetzt wird man doch was finden." Doch alle Untersuchungen ergaben...nichts. Man piekste mich, aber nicht in die Füße, sondern so, dass ich es merkte und in den Schnabel bekam ich auch ganz viel Kram. Spuck- wie eklig.

Der Blick der Ärztin war nicht sehr viel versprechend. Traurig betrachtete sie mich. "Du bist doch grad erst im Leben angekommen, kleiner Mann." Jamy wurde ganz aufgeregt: "Ja, das ist er und ich geb ihn auch nicht einfach so her." Sie schmiegte sich an mich.

Aus dem Gespräch der Ärztin mit dem Menschen hörte ich nur Bruchstücke: "Muss besser werden,..., Vitamin B, ..., einschläfern, ..., einschicken,...kein Leben so...." Eine große Traurigkeit ergriff Besitz von mir.

Zu Hause angekommen zogen wir ins Schlafzimmer. Der Käfig wurde gepolstert und zu dem Futternapf, in dem ich immer lag, wurde auch noch eine Weidenbrücke reingehängt. Meine Beine waren völlig bewegungsunfähig, darum blieb ich den ganzen Tag im Napf. Dort konnte ich mich mit Hilfe meines Schnabels drehen und somit alles betrachten, was passierte. Ich fraß auch immer reichlich, denn das war schließlich das einzigste, was ich dort tun konnte.

Jeden Tag bekam ich mehrere Flüssigkeiten in den Schnabel und auch die Ärztin musste ich noch mal besuchen. Die Ergebnisse der Untersuchungen trudelten nach und nach ein und es wurde deutlich, dass es kein Ergebnis gab. Niemand wusste, was mich quälte.

Die Menschen hatten mittlerweile mit einer Vogelfreundin gesprochen, die ihnen riet, mir etwas Zeit zu geben und auf eine Besserung noch ein paar Tage länger zu warten, als man es erst vor hatte. Jeden Tag sah ich die Tränen und die Hoffnungslosigkeit, aber auch die Liebe in ihren Augen und in denen von Jamy und ich verstand, dass ich für sie, für mich kämpfen wollte. Ich wollte leben- wie ein Wellensittich so lebt. Das Bauchliegen hatte ich so satt.

Mir war nicht bekannt, dass es ein besonderer Tag war, als ich dieses Kribbeln in den Füßchen spürte. Nur ganz schwach- gar nicht doll und ich dachte erst, dass ich es mir nur einbilde. Es war der Geburtstag des Menschen- es sollte mein Geburtstag werden...

Der Mensch fing mich auch an diesem Tag aus dem Käfig, gab mir die Medis und überprüfte meinen Fußreflex. Dabei erstarrte er, dann wiederholte er es. Seine Augen wurden feucht und er rief: "Er hat zugegriffen!" Der andere Mensch kam hinzu und tatsächlich spürte ich Leben in dem einen Fuß- ganz wenig Leben, aber ich spürte endlich wieder etwas. Von jetzt auf gleich war ich hellwach. Jamy kam freudig zu mir.

Es begann eine anstrengende, aber auch schöne Zeit. Täglich bekam ich ein kleinwenig mehr Gefühl in die Füße. Es war noch lange nicht genug, um mich auf der Stange zu halten, aber ich machte trotzdem schon mal einen Ausflug zu der Weidenbrücke. Mit Hilfe meines Schnabels konnte ich mich am Gitter auch wieder hochziehen. Die tauben Füße nutze ich als Stütze. Wenn mir die Kraft fehlte und ich drohte abzustürzen, dann- jetzt haltet euch fest- kletterte Jamy unter mich und stütze mich mit ihrem Körper, schob von unten, damit ich mein Ziel erreichte. Sie wurde zu meiner persönlichen Trainerin. Immer wenn ich faul sein wollte oder wenn ich die Hoffnung aufgab, denn es passierte oft tagelang nichts, motzte sie mit mir und trieb mich, auf dass ich es erneut versuche.

Die Menschen hatten sich ebenfalls Tipps geholt und machten täglich mit mir Krankengymnastik. Es war nicht mein liebstes Hobby, aber ich war geduldig und merkte ja auch eine Verbesserung. Hoffnungsvoll versuchten die Menschen mich immer auf einer Stange abzusetzen. Nach vielen vielen Tagen Arbeit und Power, denn ich wollte doch leben, hielt ich mich fest. Ohhh, ich schwankte, konnte die Beine nicht durchstrecken, hätte keinen Schritt gehen können, aber ich saß.

Von dem Tag an ging es nur noch aufwärts, bis die Menschen sich entschlossen, dass ich endlich meine neuen Freunde, die ich doch schon ständig rief, kennen lernen durfte. Ich hatte ganz schön Angst, denn ich sah furchtbar aus. Meine Beine konnte ich noch nicht richtig durchstrecken und auf einer Stange auch nur ein paar Schritte gehen. Mein Federkleid war von dem Medikamenten so verklebt, dass man es nicht mehr sauber bekam (zum Glück war die Jungmauser ja noch nicht durch- höhö). Was sollten denn da nur die anderen denken?

Jamy versprach, auf mich aufzupassen und ich schöpfte neuen Mut. In der Voliere angekommen, war keiner dort der mich ausschloss, niemand der komisch guckte oder sich über mich lustig machte. Jamy und ich wurden freudig begrüßt und die anderen Wellensittiche waren ganz vorsichtig und neugierig. Hatten die Menschen eigentlich vor, uns zum Schlafen wieder in den Käfig zu setzen, entschieden sie sich nun doch anders. Unsere Freude und die der anderen hatte ihnen gezeigt, dass wir bleiben wollen.

Jeden Tag konnte ich meine Füßchen ein klein wenig besser gebrauchen. Die Motivation durch meine neuen Freunde war enorm. Als die Jungmauser kam, sah man mir nicht mehr an, was ich hinter mir habe. Mein junges Leben sollte beendet sein, bevor es begonnen hatte. Zum Glück waren meine Menschen, Jamy und ich dagegen und durch die richtige Behandlung und ganz viel Liebe bin ich heute ein schmucker schwuler (sorry Jamy) Vogelmann, der beim Balzen über die Stangen tänzeln kann. Nur wenn ich mich um 180 Grad drehe, merkt man, dass ich tapsiger bin, als andere, aber dafür bin ich auch viel süßer.

Heutzutage habe ich soviel Kraft in meinen Füßen, dass ich mich sogar an der Tapete festhalten kann.

 

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