Wellensittiche – Käfigvögel und wilde Australier sind eine Art

Unsere Wellensittiche in Käfig und Wohnzimmer weichen in Farbgebung, Größe und auch anderen Punkten deutlich von den wilden Wellensittichen in Australien ab. Wie steht es aber mit ihrem Verhalten. Gibt es noch Gemeinsamkeiten? Welche sind das und was bedeutet das für die Haltung?

Zunächst ein kurzer historischer Abriss:

Geschichte der Wellensittiche - Domestizierung

Die ersten Wellensittiche, die als Stubenvögel gehalten wurden, waren Wildfänge, die über den Seeweg Europa erreichten. Man kann wohl vermuten, dass die meisten Vögel die Strapazen nicht überstanden haben. Aber auch von den Tieren, die Europa lebend erreichten, dürften viele nicht lange überlebt haben. Ihre Halter hatten sicherlich kaum Kenntnisse, um die Wellensittiche artgerecht zu halten und zu versorgen. Das Interesse an diesen liebenswerten Geschöpfen war dennoch so groß, dass Australien bereits 1894 ein Ausfuhrverbot für Wellensittiche verhängte. Mitte des 19.Jhd. gab es allerdings bereits die ersten Zuchterfolge, so dass nach dem Ausfuhrverbot der Bedarf gedeckt werden konnte und der Wellensittich seinen Siegeszug zum beliebtesten Käfigvogel antreten konnte.Mit dem Einsetzen der Zuchterfolge begann sich das Farbenspiel in den Käfigen zu verändern. Farbschläge, die sich in der Natur nicht durchsetzen konnten, da sie mit ihrem auffälligen Gefieder aus dem Schwarm herausstechen und schnell Fressfeinden zum Opfer fallen, konnten nun ihre Gene weitergeben. Zunächst entstanden Zufallsergebnisse, aber sehr schnell begannen die Züchter mit der selektiven Zucht bestimmter gewünschter Farbschläge. Auch andere Änderungen im Aussehen wurden durch die Zucht erzielt. Schon die sogenannten Hansi-Bubi Vögel, die dem wilden australischen Wellensittich von der Statur sehr nahe kommen, sind ein wenig größer als die Wildform. Der Standardwellensittich oder auch Schauwellensittich ist dagegen deutlich größer. Der Begriff Standard kommt daher, dass sich Menschen entschlossen haben, zu entscheiden, wie ein Wellensittich auszusehen hat.

Sei es die Größe, die Körperform, wie das Gefieder zu liegen hat oder wie viele Kehltupfen angemessen sind. Ein besonders skurriles Zuchtergebnis sind die sogenannten Hauben-Wellensittiche. Hier unterscheidet man drei Varianten: Spitzhauben, Rundhauben, Halbrundhauben. Die Zuordnung entscheidet sich danach, ob die Kopffedern nach oben zeigen (Spitze) oder entgegengesetzt nach unten wachsen und ein wenig an einen geföhnten Pony erinnern (Rundhauben – Unterteilung erfolgt nach der Platzierung am Kopf).
Diese Zuchtausprägungen gehören aber alle zur Art Wellensittich (Melopsittacus undulatus). In ihrem Verhalten tragen sie die Anlagen ihrer wilden Verwandten.

Was der gezüchtete Wellensittich von seinen wilden Verwandten geerbt hat und was dies für den Halter bedeutet:

Wellensittiche sind Fluchttiere

Kennzeichen für Fluchttiere ist, dass sie ihre Umgebung ständig aufmerksam beobachten. Die seitlich angebrachten Augen der Wellensittiche ermöglichen es ihnen einen weiten Radius ihrer Umgebung wahrzunehmen. Bei Gefahr fliegen die Vögel blitzschnell und reflexartig auf und bilden einen Schwarm, der es einem Fressfeind schwierig macht, sich auf ein Individuum zu fokussieren. Der flüchtende Schwarm bildet für das einzelne Exemplar eine Schutzformation.
Unsere Stubenvögel haben diesen Fluchtinstinkt geerbt. Sobald sie eine Gefahr vermuten, fangen Sie an herumzuflattern. Ihre Fluchtbemühungen werden eingeschränkt durch die räumlichen Gegebenheiten. Ob Käfig oder Voliere oder Vogelzimmer, die Fluchtmöglichkeit wird durch Gitter oder Wände begrenzt. Je nach Grad der Panik kann erhebliche Verletzungsgefahr bestehen. Für den Halter ergibt sich die Verantwortung Fluchtsituationen zu minimieren. Zunächst sollte der Käfigstandort so gewählt werden, dass die Wellensittiche sich sicher fühlen können. Dieser ruhige, weitgehend ungestörte Standplatz ist für die Vögel ihr sicheres Rückzugsgebiet. Der Halter sollte in dieses Territorium nur für notwendige und für die Wellensittiche mit positiven Erfahrungen wie der Futtergabe besetzte Handlungen eindringen. Eine Ausnahme ist es natürlich, wenn zum Zweck der Medikamentengabe ein Vogel gefangen werden muss.
Da Wellensittiche nachts noch schlechter sehen als Menschen, kann ihnen ein handelsübliches Nachtlicht bei der Orientierung im Dunkeln helfen, sollte es doch einmal zu einer der gefürchteten Panikattacken in der Nacht kommen. Um diese Gefahr zu minimieren, sollte an den Fenstern Sichtschutz, wie Rollo oder Jalousie, angebracht sein. Plötzlicher Lichteinfall von Autoscheinwerfern kann z.B. ein Auslöser für das nächtliche Geflatter sein.
Generell sollten natürlich alle Räumlichkeiten in denen sich die Wellensittiche aufhalten vogelsicher eingerichtet sein. Denn vorhandene Gefahrenpotentiale werden in Fluchtsituationen noch gefährlicher für die Vögel. Eine Fensterscheibe, die eigentlich bereits als Begrenzung erkannt wurde, wird in einem Panikflug möglicherweise zur tödlichen Gefahr.
Aber auch im Verhalten des Halters zu seinen Wellensittichen sind einige Regeln zu beachten.
Das man sich Tieren stets nur mit ruhigen Bewegungen und ruhiger Stimme nähert, sollte heute bereits selbstverständlich sein. Der Halter sollte seine Vögel aber auch nicht frontal anschauen. Das ist das Verhalten von Fressfeinden. Zwar lernen die Tiere, dass von ihrem Menschen keine Gefahr ausgeht, doch bedeutet ein Fixieren mit den Augen sicher Stress für die Vögel.
Bei aller Vorsicht, kann doch einmal durch etwas Unerwartetes eine Panik ausgelöst werden. Für diesen Fall sollte der Halter auf Notfälle eingerichtet sein. Für die Erstversorgung sollten in jedem Fall Blutstiller (Clauden Watte)verfügbar sein.
Eine der wichtigsten Eigenschaften im Kontakt mit Fluchttieren ist Geduld. Der Halter sollte den Tieren Zeit lassen ihre Furcht zu überwinden und Vertrauen aufzubauen. Man muss sich vorstellen, dass dem kleinen Wellensittich ein riesiger Mensch gegenübersteht, der zudem noch seine Augen anatomisch so platziert hat, wie die Fressfeinde, nämlich nebeneinander. Nun haben Wellensittiche neben den Fluchtgenen auch noch andere Eigenschaften, die meist dazu führen, dass es ein besonders mutiges Tier wagt, den ersten Kontakt aufzunehmen. Oft schließen sich die anderen dem Vorreiter an, wenn sie feststellen, dass keine Gefahr droht. Als Halter kann man das natürlich noch ein wenig unterstützen, indem man die Mutigen mit Kolbenhirse belohnt, der kaum ein Wellensittich wiederstehen kann. Ob die Wellensittiche soviel Vertrauen aufbringen und freiwillig auf die Hand kommen ist allerdings nicht wesentlich. Entscheidend ist, dass die Vögel die Gegenwart des Menschen gelassen hinnehmen und in dessen Obhut ein stressfreies Leben führen können.
Die gleiche Geduld muss der Halter allerdings oft auch aufbringen, wenn er für seine Lieblinge ein neues Spielzeug erstanden hat. Er sollte nicht enttäuscht sein, wenn auch die schönste Schaukel nicht sofort begeistert angenommen wird. Fluchttiere stehen allem Fremden erst einmal skeptisch gegenüber.

Wellensittiche sind Schwarmtiere

In Australien leben Wellensittiche in Gemeinschaften von mehreren dutzend Vögeln. Diese Gemeinschaften, die ein komplexes soziales Gefüge darstellen, nennt man Schwarm. Es kann vorkommen, dass mehrere dieser Gemeinschaften zu riesigen Schwärmen zusammenfinden. Es sollen sich schon so große Schwärme gebildet haben, dass der Himmel verdunkelt wurde.

Tiere bilden Schwärme als kurzfristige Schutzformation oder als dauerhafte soziale Ordnung. Wellensittiche leben dauerhaft im Schwarm. Alle ihre genetischen Anlagen und Verhaltensweisen sind auf ein Leben im Schwarm ausgerichtet. Diese Vögel einzeln zu halten widerspricht grundsätzlich einer artgerechten Haltung. Der Mensch oder andere Vögel können niemals einen Artgenossen für einen Wellensittich ersetzen. Sie können dem Vogel niemals die Gemeinschaft und auch nicht die Sicherheit eines Schwarms bieten. Sie kennen zudem nicht die Sprache und die Rituale der Wellensittiche. Sicherlich, eine Art, die im unwirtlichen, natürlichen Verbreitungsgebiet als Überlebenskünstler überzeugt, wird auch als Einzelvogel versuchen sich in sein Lebensumfeld einzufinden. Als traurigen Höhepunkt dieser Versuche können einige Wellensittiche sogar die vorgesagten Worte der Menschen nachplappern. Auch unsere Heimvögel haben alle Anlagen für ein Schwarmleben geerbt. Ohne Artgenossen verkümmern sie.

Egal wie groß die Schwärme auch sind, man hat bei den Wellensittichen keine Rangordnung feststellen können. Alle Tiere gehen friedlich miteinander um. Von kleineren Futterneidstreitereien und Gezänk um den besten Schlafplatz einmal abgesehen. Dieser Umstand ermöglicht es in unseren Käfigen und Volieren verschiedene Vögel problemlos zusammenzuführen. Um keinen Futterneid aufkommen zu lassen, sollte entsprechend der Anzahl der Tiere jeweils ein Futternapf pro Vogel angeboten werden. Der Streit um den Schlafplatz wird sich vermutlich nicht ganz vermeiden lassen. Man sollte aber allen Vögeln die Möglichkeit bieten, einen Platz auf der höchsten Sitzgelegenheit zu finden.

In Australien sind Jungvögel, kaum dass sie flügge sind, bereits auf sich allein gestellt. Man hat festgestellt, dass sie sich zu separaten Jungvogelschwärmen zusammenschließen. Möglicherweise hält dieses Verhalten damit zusammen, dass Wellensittiche in der Lage sind bei entsprechendem Nahrungsangebot mehrere Bruten hintereinander erfolgreich durchzuführen. Obwohl die Zusammenführung von Wellensittichen an sich relativ problemlos ist, kann es bei Zuführung eines Jungvogels in eine Gruppe erwachsener Wellensittiche zu Schwierigkeiten kommen. Das Jungtier wird in manchen Fällen von der Gruppe nicht angenommen. Unter Umständen kann es sogar zu Todesfällen kommen.

Der Tagesablauf der wilden Wellensittiche beginnt am frühen Morgen mit der Suche nach Nahrung. Die heiße Mittagszeit verbringen die Vögel dösend im Schutz von Eukalyptusbäumen oder mit der (gegenseitigen) Gefiederpflege oder sonstigen sozialen Aktivitäten, wie gemeinsamem Zwitschern. Man nimmt an, dass sich die Mitglieder eines Schwarms an der Stimme erkennen. Am frühen Abend macht sich der Schwarm wieder auf zur Nahrungssuche. Zur Nacht werden gemeinsam die Schlafplätze aufgesucht. Ein solcher Rhythmus ist auch bei den Heimvögeln erkennbar, obwohl die klimatischen Gründe keine Rolle spielen. Der Wellensittichhalter sollte bei der Futtergabe diesem Rhythmus Rechnung tragen. Auch für den Freiflug sollte man den Tagesrhythmus berücksichtigen. Wer den Käfig immer nur zu den Ruhezeiten öffnet, braucht sich nicht zu wundern, dass seine Vögel das Angebot zu fliegen nicht annehmen.

Ein Schwarm bietet für Wellensittiche nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Sicherheit. Sicherheit bei der Nahrungssuche und vor allem Sicherheit vor Fressfeinden. In einem blitzschnell fliegenden Schwarm gleichaussehender Wellensittiche, die auch bei überraschenden Wendemanövern Ihre Flugformation nicht durcheinander bringen, hat ein Falke kaum eine Chance eine Beute auszumachen. Ein kranker Vogel, der deutlich Abweichung zur Gleichförmigkeit des Schwarms erkennen lässt, bietet für einen Fressfeind ein fixierbares Ziel. Damit bringt dieser Vogel nicht nur sich selbst in Gefahr, denn er lenkt das Interesse von Fressfeinden auf den Schwarm selbst. Der Schwarm reagiert darauf, indem das kranke Tier vertrieben wird. Als Folge verbergen Wellensittiche Krankheiten so lange wie es möglich ist. Leider beherrschen auch die Käfigvögel das Verstecken von Krankheiten perfekt. Egal in welcher Farbe, Größe oder Frisur. Als Halter muss man seine Vögel genau beobachten, um Änderungen vom üblichen Verhalten wahrzunehmen. Schläft der Wellensittich mehr, plustert er in Ruhephase oder ist doch eine Krankheit der Grund. Auch der Kot kann Aufschlüsse geben. Je eher eine Krankheit erkannt und behandelt wird, umso besser sind die Heilungsmöglichkeiten. Sollte eine Krankheit vorliegen, ist das Verhalten der anderen Schwarmmitglieder nicht so eindeutig, wie in der Natur. In manchen Fällen konnte sogar die liebevolle Umsorgung des kranken Tieres durch den Partner beobachtet werden. Findet das kranke Tier jedoch im Schwarm nicht die notwendige Ruhe, sollte mit dem vogelkundigen Tierarzt geklärt werden, ob der kleine Patient seine Krankheit nicht besser in einem separaten Käfig auskuriert.

Wellensittiche sind Höhlenbrüter

Bei der Wahl Ihrer Bruthöhle sind die grüngelben Australier nicht wählerisch. Es muss aber in jedem Fall ein dunkler Hohlraum sein. Dies ist vermutlich ein Grund, warum Wellensittiche an Australiens Küsten kaum anzutreffen sind. Es gibt dort keine geeigneten Bruthöhlen. Da Wellensittiche für das Brutgeschäft neben dem Nahrungsvorkommen auch auf geeignete Bruthöhlen angewiesen sind, ist die Paarhaltung in der Regel ohne Probleme möglich. Solange man den Vögeln keinen Brutkasten anbietet, muss man, von seltenen Ausnahmen abgesehen, nicht mit unerwünschtem Nachwuchs rechnen. Da Wellensittiche alles annehmen, was einer Höhle nahe kommt, sollten Hennen bei ihrem Freiflug jedoch im Auge behalten werden. Wer weiß, was nur ein wenig mit dem starken Schnabel der Hennen bearbeitet werden muss, um eine prima Bruthöhle zu werden. Und wie viel Kraft so eine Henne mit ihrem Schnabel hat, musste sicher schon mancher Halter erfahren, der seinen Vogel zur Medikamentengabe nicht sofort richtig fixieren konnte. Zum allem Überfluss darf man es in so einem Fall nur halten wie ein Wellensittich: Nur keine Blöße geben.

Wellensittiche sind Vögel

Na, dass ist ja eine Erkenntnis, denken jetzt vielleicht einige.
Nun hier kommt noch eine. Vögel fliegen.

In Australien fliegen Wellensittiche dutzende von Kilometer am Tag. Fliegen bedeutet für die Vögel Nahrungsplätze aufzusuchen, Fluchtmöglichkeit, Schwarmbildung und sicher auch Lebensfreude.
Für den Wellensittich-Halter bedeutet das, die Bereitstellung eines ausreichend großen Käfigs oder einer Voliere. Die Unterkunft sollte mindestens so breit sein, dass die Vögel mit einigen Flügelschlägen kurze Strecken fliegend zurücklegen können. Dazu ist es auch wichtig, dass die Behausung nicht mit Spielzeug überladen ist. Die größte Voliere nutzt nichts, wenn vor lauter Spielzeug keine Flugfläche mehr zur Verfügung steht. Aber auch wenn der Käfig oder die Voliere Flugmöglichkeiten bietet, ist der Freiflug für die Wellensittiche unverzichtbar. Es ist nun mal ein Unterschied zwischen einigen Flügelschlägen auf 1m² - 2m² und einigen Flugrunden in einem Zimmer. Nur so können unsere Käfigvögel ihre Flugmuskulatur trainieren. Eine gut ausgebildete Flugmuskulatur bietet dem Wellensittich auch ein Gefühl der Sicherheit. Als Fluchttiere sind Wellensittiche auf die uneingeschränkte Flugfähigkeit angewiesen. Zudem stärkt ausgiebiger Freiflug die allgemeine Fitness. Freiflug bietet den Wellensittichen auch eine willkommene Abwechslung im Tagesablauf. Damit die Vögel das Angebot zum Freiflug auch annehmen, sollte man Ihnen interessante Anflugstationen anbieten. Für die agilen Tiere bietet ein Leben allein im Käfig viel zu wenig Anreize.

 

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Leni

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