Gedicht- und Geschichtenwettbewerb: Platz 3

Ein schmaler Streifen Licht fällt ins Zimmer. Er läuft über den Boden, zieht sich an den Tischbeinen hoch, fällt in das Auge meines Kameraden. Er blinzelt nicht. Der Staub vor meinem Schnabel wirbelt in kleinen Kreisen, als ich die dicke Luft einsauge. Ich niese. Er zuckt nicht zusammen. Leise fange ich an, auf ihn einzureden. Ich stupse ihn an. Mit einem leisen Quietschen schaukelt er vor und zurück. Vor und zurück. Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist. Er antwortet mir nicht, er bewegt sich nicht, er tut auch sonst nichts. Früher hätte ich mich von ihm abgewandt, ihn ignoriert. Ich hätte mit meinen Geschwistern gespielt, während er starr auf einer Stange hockt. Aber jetzt bin ich allein und versuche mir einzureden, dass er aus dieser Starre erwachen oder zumindest mit mir sprechen wird. Aber tief in mir drin weiß ich, dass er das niemals tun wird.

Ein leises Rascheln zieht mich aus meinen Gedanken. Mein Mensch wacht auf. Sie ist das Einzige, was mich davor bewahrt, in die gleiche Bewegungslosigkeit zu fallen wie mein Kamerad. Schon reißt sie die Fenster auf und trällert: "Na Pieps, wie gehts deinem Kameraden ?" " Leider nicht besser, Anna", antworte ich. " Weißt du, was ich heute mache, Pieps ? Ich gehe mit Marie und Lisa Eis essen.", erzählt sie einfach weiter. Ich bin das schon gewohnt. Sie will mich auf andere Gedanken bringen.

Ausgelassen rannte Anna die Treppe hoch. Kaum im Zimmer angekommen, schmiss sie ihre Tasche in eine Ecke und lief zum Vogelkäfig. "Hallo Pieps", sagte sie und starrte den kleinen, blauen Wellensittich an. " Hallo Anna", krächzte er zurück.

"Anna, warum bewegt er sich nicht ?", endlich habe ich es gefragt. Jetzt warte ich auf eine Antwort. " Anna ?"

Ohrenbetäubendes Geschrei ging von dem aufgeplusterten Federball aus. "Pieps", brüllte Anna gegen an, " sei still !"

"Nie hörst du mir zu !", kreische ich ihr in das federlose Gesicht, "Du kraulst mich nicht, du sprichst nicht meine Sprache und nie antwortest du mir auf meine Fragen ! Du bist fast so schlimm wie dieser dumme Vogel neben mir."

Nun hatte sie genug. Das war doch nicht normal. "Na gut, Pieps.", sagte sie ruhig, "Fragen wir halt das Internet, was mit dir los ist."

Ich kann nicht mehr. Nicht mal auf einen Wutausbruch reagiert sie. Betrübt klettere ich in die hinterste Ecke meines Käfigs, weit weg von diesem bewegungslosen Vogel, weit weg von Anna.

Ich schließe die Augen und denke an die weichen Federn meiner Mutter und das liebevolle Kraulen meiner Geschwister. "Einfach die Augen nicht mehr aufmachen", ging es mir durch den Kopf.

"Mama !", schrie Anna, während sie die zwei Worte auf dem Bildschirm zu begreifen begann. Mit einem mal sprang sie auf und rannte aus dem Zimmer.

Der Laptop blinkte kurz auf, bevor er sich herunterfuhr. Noch einmal leuchteten die Worte auf, die Anna so erschreckt hatten. Gegen Einzelhaltung.


Diese Geschichte schickte uns Jule aus Henstedt-Ulzburg.

 

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