Die Sinneswahrnehmung bei Wellensittichen

Jeder Vogelhalter hat schon einmal beobachtet, wie seine Wellensittiche aufmerksam lauschen, wenn man mit ihnen spricht, bei einer unerwarteten Bewegung erschrocken zusammen zucken oder manche Früchte mit Heißhunger vertilgen, während sie andere links liegen lassen. Wer sich mit den Sinneseindrücken seiner Tiere auskennt, kann ihr Verhalten besser verstehen und einschätzen.

Gesichtssinn

Der Gesichts- oder Sehsinn ist für Sittiche wohl der Wichtigste.

Räumliche Wahrnehmung

Bei Menschen, aber auch bei vielen Raubtieren wie Hunden oder Greifvögeln befinden sich die Augen frontal am Kopf und sind parallel nach vorn gerichtet. Dadurch überschneiden sich die Blickfelder beider Augen und das Gehirn kann hieraus einen räumlichen Eindruck unserer Umgebung errechnen; man spricht von „Stereosicht“.
Der Nachteil dieser Sichtweise besteht darin, dass das Gesichtsfeld insgesamt relativ klein ist; um zu sehen, was schräg hinter uns geschieht, müssen wir den Kopf drehen.
Bei Fluchttieren wie beispielsweise Pferden, aber auch unseren Sittichen befinden sich die Augen eher seitlich am Kopf, um einen möglichst großen Teil der Umgebung überblicken und Fressfeinde rechtzeitig wahrnehmen zu können. Dafür ist der Überschneidungsbereich beider Gesichtsfelder klein. Darüber, ob die Vögel in diesem Bereich auch dreidimensional sehen wie wir, sind sich Forscher jedoch nicht einig, denn dafür sind zusätzlich bestimmte Prozesse im Gehirn nötig. Es ist auch möglich, dass die Vögel so lediglich besser Landepositionen anpeilen können.
Oft kann man beobachten, wie Wellis, die beispielsweise direkt vor ihrem Schnabel befindliches Grünfutter zernagen, nach vorne schielen. Auf diese Weise richten sie den Blick nach vorn und können das Objekt besser erkennen.

schielende Voegel

Bildverarbeitung

Das menschliche Gehirn kann etwa 20 Bilder pro Sekunde getrennt erkennen, sind es mehr, so nehmen wir diese nicht mehr als Einzelbilder, sondern als Film wahr.
Wellensittiche hingegen können, wie die meisten anderen Vögel auch, wesentlich mehr Bilder wahrnehmen und verarbeiten – etwa 150 pro Sekunde. Aus diesem Grund erleben sie beispielsweise einen Fernsehfilm nicht als Film, sondern mehr als „Diashow“. Der Vorteil dieser Wahrnehmung besteht darin, dass sie ihre Umgebung, insbesondere aber schnelle Bewegungen, rascher und genauer wahrnehmen und viele drohende Gefahren früher und deutlicher erkennen können.
Vögel nehmen auch in unseren Glühlampen ein Flimmern wahr, das für uns nicht mehr sichtbar ist, deshalb müssen Vogellampen ein Vorschaltgerät besitzen, das dieses für die Vogelaugen unangenehme Flackern unterbindet.

Farbwahrnehmung

In der menschlichen Netzhaut sind neben länglichen Sinneszellen, den „Stäbchen“, die für die Unterscheidung von Hell und Dunkel verantwortlich sind, noch so genannte „Zäpfchen“ vorhanden; Rezeptoren, die die Farbwahrnehmung ermöglichen. Der Mensch besitzt drei verschiedene Zäpfchenarten, mit denen er blau, rot und grün wahrnehmen kann. Das Gehirn wiederum errechnet aus diesen Signalen all die Farben, die wir von unserer Wahrnehmung her kennen.
Wellensittiche können ebenfalls rot, grün und blau sehen. Zusätzlich verfügen sie aber über einen vierten Zapfentyp, der UV-Licht, also Licht mit einer sehr kurzen Wellenlänge von weniger als 390 nm, registrieren kann.

Da wir selbst kein ultraviolettes Licht wahrnehmen, ist es für uns im Grunde nicht vorstellbar, wie ein Wellensittich seine Umwelt sieht. Wie bei allen Sinnesleistungen ist zu beachten, dass die Hauptarbeit in der Wahrnehmung nicht in den Sinnesorganen, in diesem Fall dem Auge, erfolgt, sondern im Gehirn. Da der Vogel die ultravioletten Lichtanteile in die Farbwahrnehmung gewissermaßen mit einberechnet, sehen für ihn dieselben Farben völlig anders aus als für uns. So können die Tiere beispielsweise verschiedene Blautöne unterscheiden, wo wir nur einen einzigen wahrnehmen.
Um sich diesen Sachverhalt zu veranschaulichen, kann man bei einem Farbfoto mit Hilfe eines Grafikprogramms eine der drei Grundfarben rot, blau und grün auf Null herunter regeln. Das Bild ist nun immer noch bunt – aber da die Farben nur noch aus zwei Komponenten zusammengemischt werden, sehen sie plötzlich ganz anders aus. Der vierte Zäpfchentyp der Sittiche erzielt einen ähnlichen Effekt, nur dass keine Farbe entfernt, sondern eine zusätzliche hinzugefügt wird.

Fest steht, dass UV-Licht eine wichtige Rolle bei der Balz spielt, denn die Kehltupfen, aber auch andere Teile des Gefieders wie Stirn oder Wangenfedern reflektieren ultraviolettes Licht und wecken die Aufmerksamkeit potentieller Partner. Auch aus diesem Grund sollte man seinen Vögeln eine BirdLamp gönnen, denn Fensterglas filtert den größten Teil der im Sonnenlicht enthaltenen UV-Wellen heraus. In solchem Kunstlicht dürften Wellensittiche die noch enthaltenen Farbanteile, die sich im für uns sichtbaren Spektralbereich befinden, etwa genauso gut und in ähnlichen Farben wahrnehmen wie wir – einige Forscher vermuten, dass ihre Wahrnehmung sogar noch differenzierter ist, sie also feinere Farbnuancen unterscheiden können.

Gehörsinn

Sittiche haben ein gutes Gehör und verständigen sich neben der Körpersprache vor allem durch akustische Laute.
Sie nehmen Frequenzen von etwa 40 bis 20.000 Hz wahr (eine Frequenz von einem Hz bedeutet, dass ein Ton genau einmal pro Sekunde ausgesandt wird; je größer eine Frequenz ist, desto höher klingt der zugehörige Ton). Das entspricht etwa dem, was ein Mensch auch hören kann.
Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Vogelarten – beispielsweise Pinguine oder Singvögel – ähnlich wie bei der Bildwahrnehmung deutlich mehr Töne pro Zeitintervall unterscheiden und verarbeiten können als Menschen. So können sie individuelle Unterschiede im Gesang wie Oberschwingungen oder Änderungen in Lautstärke und Frequenz erkennen, die für uns nicht unterscheidbar sind. Es ist möglich, dass das auch bei Wellensittichen der Fall ist.

Tastsinn

Wellensittiche können nicht nur gut sehen und hören, sondern auch gut fühlen.
Alle Hautpartien des Körpers sind berührungsempfindlich. Selbst die Federn können indirekt Hindernisse wahrnehmen, denn wenn der Vogel mit der Flügelspitze einen Gegenstand berührt, überträgt sich der Druck über den Federkiel auf die Haut.
Die Beine sind zudem extrem vibrationsempfindlich. So können Vögel, die auf einem Ast sitzen, darauf kletternde Feinde leicht wahrnehmen. Deshalb dürfen Vogelkäfige auf gar keinen Fall, auch nicht für kurze Zeit, auf vibrierenden Musikboxen oder Elektrogeräten abgestellt werden!
Ein weiteres Beispiel für die Tastempfindlichkeit ist der Brutfleck; eine stark durchblutete Hautstelle am Bauch der Henne, an der während des Brütens das Kleingefieder ausfällt, damit Körperwärme auf die Eier übertragen werden kann. Über diesen Fleck können die Vogelmütter schon kleinste Bewegungen ihrer Küken im Ei spüren.

Ein besonders wichtiges Sinnesorgan ist für einen Wellensittich die Zungenspitze. Diese benutzt er nicht, wie ein Mensch, zum Schmecken, sondern zum Ertasten von Gegenständen und Oberflächen. Jeder Vogelbesitzer kann beobachten, wie seine Sittiche Nahrung, aber auch viele andere Dinge mit der Zunge abtasten und sich so ein Bild von ihrer Beschaffenheit machen. Auch beim geschickten Schälen und Aufspalten von Körnern mit dem Schnabel sind ihm diese Informationen eine wichtige Hilfe.

Geschmackssinn

Vermutlich ist der Geschmackssinn – die Sinneszellen befinden sich bei Sittichen auf dem hinteren Bereich der Zunge - bei Wellensittichen weniger stark ausgeprägt als beim Menschen, doch unterschiedliche Geschmacksrichtungen können auch sie wahrnehmen.
So lieben die allermeisten Wellensittiche Salziges (sie sollten aber Salz nur in sehr geringen Mengen genießen dürfen, weil es ihrer Gesundheit schadet!), viele Vögel auch Süßes. Untersuchungen bei Papageien haben gezeigt, dass diese auch Schärfe schmecken – allerdings nicht, wie Menschen, als Schmerz, sondern einfach als Geschmack. Das erklärt, warum manchem Vogelfutter Chili zugesetzt ist; den Vögeln schmerzt das nicht auf der Zunge, während Menschen Schärfe wie eine Verbrennung wahrnehmen!
Viele Wellis zeigen individuellen Geschmack, indem sie einige Nahrungsmittel anderen vorziehen, selbst wenn sich diese in Konsistenz und Aussehen nicht unterscheiden (beispielsweise verschiedene Birnensorten).

Geruchssinn

Über den Geruchssinn bei Wellensittichen ist wenig bekannt. Einige Vogelarten, beispielsweise Albatrosse, können sehr gut riechen; auf diese Weise können sie auf dem Meer Nahrung „wittern“. Wellis hingegen haben vermutlich nur eine sehr schlechte Nase, aber auch sie können Gerüche registrieren.

 

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Blueberry

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