Sprechen lernen

Wer kennt es nicht? Man bekommt Besuch von jemandem oder erwähnt, dass man Vögel hält und die ersten Fragen, die sie stellen sind: "Kann der sprechen?" und "Ist der auch zahm?" Doch woher rührt diese Einstellung zum Sprechen und wie hat sie sich nur so hartnäckig in den Köpfen der Menschen gehalten?

Wenn Wellensittiche sprechen lernen sollen

Der Ursprung der Geschichte liegt in der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts begründet. Immer häufiger wurden zu diesem Zeitpunkt Exotische Tiere, unter anderem Papageien und diverse Sittiche nach Europa importiert. Da man sich damals weniger mit den Bedürfnissen der Tiere und deren optimaler, naturnaher oder gar artgerechter Haltung befasste, sondern Tiere besonders solche exotischen, eher als eine Art Statussymbol galten, wurden sie meist als Einzelvögel in mehr oder minder kleinen, verzierten Schmuckkäfigen gehalten. Käfige in meist so kleinem Ausmaß, dass dem Vogel darin oft nur wenig Bewegungsfreiraum blieb und von bedürfnissorientierter Unterbringung nicht ansatzweise zu sprechen war. Diese Käfige hingen dann oft als Zierde und zur Schaustellung in den Räumen, in denen besonders viel Puplikumsverkehr herrschte. Reichen Familien vorbehalten waren das meist die Besucherräume und Wohnzimmer, in denen der Gastverkehr empfangen und so die gewünschte Wirkung eines exotischen Vogels erzielt werden konnte. Die meist verstörten Vögel, die alle zur damaligen Zeit noch Wildfänge und somit Importtiere waren, galten oft als höchst traumatisiert. Die verstörende Aktion des Einfangens in freier Wildbahn, der lange, beschwerliche und stressreiche Transport auf langen Wegen, meist per Schiff, die Minderversorgung in dieser Zeit, die Klimaveränderung, die die Reise mit sich brachte und weitere Faktoren, die durch die falsche Haltung folgten, ließen die Vögel zunehmend bereits verhaltensgestört und schwerst beeinträchtigt im neuen Zuhause ankommen. Fehlender Partner und ausbleibende Beschäftigung folgten und brachten schnell zu Tage, dass Papageienvögel eine besondere Fähigkeit besitzen. Das Nachahmen von Tönen, Melodien und menschlichen Lauten oder gar deren Sprache. Früher gehörte es praktisch zum „guten Ton“, dass ein Papageienvogel oder auch Wellensittich menschliche Laute nachahmen können musste. Als Attraktion, Belustigung, Unterhaltung und Spaß für Groß- und Klein unterhielten fortan sämtlich importierte und halbwegs als robust geltende Papageienvögel die reicheren Haushalte Europas. Da sich bald immer mehr Menschen ebenfalls ein solches Statussymbol ins Haus holen wollten, erfreuten sich besonders kleinere Papageienvögel wie die Wellensittiche, größerer Beliebtheit und wurden alsbald auch erfolgreich in Europa nachgezüchtet und verkauft. Bald fand sich in vielen Käfigen ein einzeln gehaltener Wellensittich, der aus Verzweiflung und Langeweile begann seinem Alltag Fülle zu verleihen. Da meist nicht nur Partner, sondern auch gleichzeitig Beschäftigung, Knabbermöglichkeit aufgrund gedrechselter Stangen und Bewegung wegen zu kleiner Käfige fehlte, blieb einem Tier nichts anderes übrig. Nichts, als zu sprechen und Kommunikation auf eine Weise zu versuchen, wie sie trauriger nicht sein könnte - Versuchte Kontaktaufnahme mit kombinierter Beschäftigung durch Lautnachbildung, ohne dass etwas zurück käme, das ein Wellensittich verstehen könnte und was ihn in seiner schrecklichen Situation hätte bereichern können. Leider hielt sich die Haltungsbedingung Wellensittiche einzeln zu halten noch sehr, sehr lange und wird oftmals von Menschen, die nicht informiert sind über die artgerechten Haltungsbedingungen heute noch praktiziert. Ein klares Nein zur Einzelhaltung in Österreich und der Schweiz, die auch gesetzlich zum Tierschutz verankert ist, gibt es zwar in Deutschland noch nicht, jedoch viele Menschen, die aufklären und bemüht sind langfristig etwas durch Aufklärung zu verändern. Denn auch heute finden sich leider immer noch viel zu viele Einzelvögel. Eine Nebenerscheinung des Sprechens, der Zahmheit und eine Wechselwirkung, wenn man betrachtet wie alles miteinander zusammen hängt.

In Zeiten, in denen sich glücklicherweise immer mehr Wellensittiche der Gesellschaft von einem oder mehreren Artgenossen erfreuen dürfen, sind sprechende Vögel Gott sei Dank seltener geworden. Und das ist ein Grund zur Freude! Warum, wenn doch ein plaudernder Wellensittich unterhaltsam und niedlich erscheint? Das wollen wir mit einem kritischen Blick auf das „Sprechen“ der Tiere noch einmal genau erklären.

Bei den allermeisten Wellensittichen, die sprechen können, handelt es sich um einzeln gehaltene Vögel. Sprich um Einzelvögel. Auch wenn die Zeiten der Zierkäfige lange vorbei ist, so nicht der Markt an zu kleinen Käfigen, in denen kein Wellensittich hausen sollte. Auch wenn sich an den Haltungsmaßstäben viel verändert hat, so wissen viele Menschen dennoch nicht wirklich Bescheid und halten auch heute Wellensittiche wie es noch vor 50 Jahren üblich war. Einzeln, im Glücksfall mit etwas Freiflug, aber trotzdem am falschen Standort und vielleicht ohne Partner. So findet man auch heute noch massiv auf ihren Halter fixierte und fehlgeprägte Wellensittiche, die als zahm und besonders anhänglich gelten, aber mit einem wirklich glücklichen Wellensittich nicht mehr sonderlich viel gemein haben. Bei solcher Haltung stehen schlicht und ergreifend entweder Unwissen, oder aber die Bedürfnisse des Halters im Vordergrund, was in keinem Fall gut zu heißen ist. So zeichnet sich eine traurige Entwicklung ab, die wir bereits anfänglich erläutert haben und die zum Hintergrund und Ursache des "Sprechenden" Vogels wird. Ein Wellensittich ist ein Schwarmtier, der in großen Schwärmen in Australien lebt und dort ein sehr starkes Sozialbedürfnis auslebt, in Form von Interaktion in mitten einer großen Tiergruppe. Fehlen ihm bei Einzelhaltung diese sozialen Bindungen unter Artgenossen und kann er seinen Grundbedürfnissen nicht nachkommen, dann verschiebt sich sein Verhalten traurigerweise auf den Menschen, der zu seinem verzweifelten Bezugspunkt wird, da dieser die einzig verfügbare Gesellschaft darstellt in seinem Umfeld. Somit ist das Nachahmen der menschlichen Sprache ein hilfeschreiender Versuch, Kontakt mit uns Menschen aufzunehmen. Leider versteht ein Wellensittich nicht, was er mit seinen Worten „sagt“ bzw. welchen Sinn diese haben. Sofern es ihm gelingt zu "sprechen", in dem er Lautäußerungen und Worte imitiert, so wird er sich zunehmend bewusst darüber werden, dass seine Kommunikationsversuche eine Einbahnstrasse sind und nichts zurück kommt, das für ihn verständlich wäre. Während viele Vögel nach Monaten resignieren und komplett verstummen, halten einige Ausnahmen wirklich lebenslang durch. Während ihre Versuche immer verzweifelter werden sich bemerkbar zu machen und Kontakt zu suchen, verstehen Halter diese Gesten oft als Begeisterung des Vogels und denken, dieser habe Freude daran. Dass das Gegenteil der Fall ist und das Vogelherz eines hoch sozialen Tieres immer einsamer wird, das bemerken viele in ihrem Freudentaumel über einen "sprechenden" Wellensittich nicht. Das die eigene Freude über ein unnatürliches Verhalten ein trauriges Vogelleben bedeutet, dass ist vielen nicht klar.

Nun sollte man denken, dass in der heutigen Zeit solche Fehlhaltungen endgültig den ungewollten Ausnahmen zuzuordnen sind. Doch müssen wir ehrlicher Weise sagen, dass dies leider nicht den Tatsachen entspricht. Ausgeklammert der Halter, die wirklich aufgrund fehlender Informationen (obwohl diese nie leichter zugänglich waren als heute) falsch halten, gibt es Menschen, die ihren Vogel bewusst einer solchen Misshaltung aussetzen. Dann nämlich, wenn sie glauben ihr Vogel erlerne in Isolation das Sprechen und würde unter Ausschluß von Artgenossen zutraulicher. Beides sind Gründe, die nach wie vor Menschen wichtig sind. Dass diese Ziele selten etwas anderem als einer egoistischen und selbstzentrierten Grundhaltung der Person entsprechen ist nicht wegzudiskutieren. Einen Wellensittich einzeln zu halten, damit er sprechen lernt, ist grausam und zutiefst traurig. Es ist am Ziel vorbei geschossen ein Tier möglichst tiergerecht zu halten und man enthält dem Vogel so die Möglichkeit vor, in eigener Wellensittichsprache zu kommunizieren. Wer sich dies bewusst macht, dem vergeht die Freude an einem "sprechenden" Wellensittich hoffentlich rasch und er findet seinen Sinn dafür wieder, ein wundervolles Tier in seiner natürlichen Verhaltensweise bei möglichst naturnaher Haltung zu beobachten. Wie diese aussehen kann, darüber klärt Welli.net gerne und ausführlich auf.

Für alle, die dennoch nicht Abstand nehmen wollen von einem sprechenden Wellensittich und die natürliche Lautimitation fördern wollen, stellt sich nun eine entscheidende Frage. Ist es möglich, dass Wellensittiche auch unter Artgenossen zu sprechen beginnen oder sogar im Schwarm reden lernen? Als Pärchen oder in einem Schwarm gehaltene Vögel ahmen zwar wesentlich seltener menschliche Laute nach, aber es kommt durchaus vor. Besonders bei sehr eifrigen, neugierigen und entdeckungsfreudigen Tieren ist dies hin und wieder zu beobachten. Es gibt Tiere, die aus reinem Spaß menschliche Laute nachahmen und sprechen lernen, obwohl sie Artgenossen um sich haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Sittich im Schwarm sprechen lernt, ist ziemlich gering, aber man kann es trotzdem versuchen in dem man sie gezielt anspricht und durch Ansprache fördert. Voraussetzung für ein kleines Sprachtraining ist, dass sich die Tiere gut eingelebt haben und keine Scheu mehr vor dem Menschen haben. Die richtige Tageszeit für die Sprachlektion ist der späte Nachmittag oder frühe Abend, wenn die Wellensittiche sich ausgetobt haben und ruhiger werden. Nun kann man sich vorsichtig der Voliere nähern und, sofern die Tiere zutraulich genug sind, einen besonders neugierigen Sittich auf den Finger locken. Auch dieser Schritt sollte absolut freiwillig geschehen und nie ein Sittich unter Zwang auf der Hand gehalten werden. Aller Anfang ist schwer, deshalb sollte man nur mit wenigen Worten oder kurzen, einfachen Sätzen beginnen. Um das Interesse der Vögel zu wecken, kann man sie deutlich und mit Begeisterung aussprechen und immer in derselben Kombination verwenden. Zischlaute sowie die Vokale i und e können die Sittiche besonders leicht nachahmen. Erkennen Wellensittiche eine besondere Lautfolge, die immer wiederkehrt, wie bei melodisch gesprochenen Worten und Sätzen, dann steigt der Wiedererkennungswert und sie übernehmen ggf. die gewünschten Laute. Auch wiederkehrende ungewollte Laute werden manchmal erfasst oder nachgeahmt. Ein Piepton oder auch Töne von Geräten sind beliebte Nachahmungsvorlagen, die schon so manchen Halter in Erstaunen versetzt haben, wenn gar das Handy-Piepsen einen leeren Akku ankündigte, aber der Blick auf das Display einen noch vollen zeigte. Zurück zum Sprachtraining. Ein Sprachtrainer braucht sehr viel Geduld. Es kann sehr lange, Wochen oder sogar Monate, dauern, bis einer der Wellensittiche das erste Wort nachmacht. Andere tun es trotz intensivem Training nie. Erst wenn sich erste Erfolge zeigen und festigen, kann man versuchen den Sprachschatz zu erweitern. Natürlich muss man eifrige Schüler loben und Fortschritte belohnen. Lohn sollte in Form von gesunden Leckereien wie z.B. Gemüse oder Kräuter immer vorhanden sein. Mit etwas Glück, sofern man es so nennen und sehen mag, zeigt sich ein Wellensittich so interessiert an einem Laut, dass er ihn später auch unaufgefordert wiederholt und unter Umständen so sogar seinen Schwarmgenossen etwas „beibringt“. Eine wirkliche Garantie dafür gibt es jedoch nicht. Es ist übrigens ein Mythos, dass nur männliche Wellensittiche sprechen lernen könnten: Zwar zwitschern Hähne oft ein wenig mehr als Weibchen und zeigen vielleicht mehr Interesse am Sprachunterricht, doch auch Hennen können sprechen lernen. Dass Hähne grundsätzlich mehr oder gar melodischer zwitschern ist übrigens ebenfalls ungesichert und hängt meist eher vom Wesen des Vogels und dessen Individualität ab. Enttäuscht darf man nicht sein, wenn das Sprechen trotz aller Versuche nicht klappt. Erzwingen hilft nichts und was den kleinen Papageien nicht freiwillig über den Schnabel kommt oder ihr Interesse weckt, dass macht ihnen auch in den seltensten Fällen Spaß. Schnattern die Vögel lieber auf ihre Art, so zeigen sie, dass sie sich wohl fühlen und eben lieber bei ihrer „Muttersprache“ bleiben.

Dies ist jedoch kein Grund um traurig zu sein, denn wenn die kleinen, australischen Sittiche auf "wellisch" miteinander ins "Plaudern" geraten wie es ihrem natürlichen Verhalten entspricht, dann kann man mit etwas Übung und einem geschulten Auge durchaus manchmal erahnen, was in den kleinen Federköpfchen vor sich geht. Viele Gesten der Körpersprache verraten bei geübter Beobachtungsgabe so einiges über die Absichten und momentanen Beweggründe, die einen Wellensittich so umtreiben. Ihre Sprache zu erlernen kann sich deshalb für einen Halter durchaus lohnen und ist ein höchst spannendes Unterfangen. Warum also nicht selbst ein bisschen Fremdsprachen lernen? Schon nach kurzer Zeit wird man zielsicher die Körpersprache und Lautbildungen der Wellensittiche kennen und deuten können. Besonders auffallend dabei die verschiedenen Stimmlagen und Arten der Lautbildung. Dem Tier zuliebe sollte kein Wellensittichhalter die Anforderung stellen, um jeden Preis einen sprechenden Vogel zu haben. Es gibt genug andere Gründe Wellensittiche zu lieben! Und wenn man es unter den vorhandenen Faktoren nicht kann, dann sollte grundlegend überdacht werden, ob es sich bei einem Vogel wirklich um das passende Haustier handelt.

Als Fazit lässt sich sagen: Wir hoffen und wünschen jedem Wellensittich und Papageienvogel dieser Welt, dass Einzelhaltung aus egal welchen Gründen auch immer, der Vergangenheit angehört. Sprechende Vögel bald aus den Köpfen der Halter verschwinden und das natürliche und nicht weniger interessante Verhalten mehr und mehr in den Fokus der Menschen rückt, die sich wirklich an den Bedürfnissen der Vögel und nicht ihrer selbst orientieren.

 

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Ive84

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